Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Die Wöchnerin
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 463 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WÖCHNERIN lullten den Dienst angetreten. Ein jämmerliches Stöhnen ließ die Lull er/illern. Es llackerte auf und erslarh wieder. Da waren Müller auf dem schweren Wege, geduldig und sanft miitig. mit müden, altaussehenden Händen stützten sie sich auf den Bettrand, den Kopf auf die verschrumpfte Brust geneigt, und klagten und stöhnten durch die Nacht, leise, malt. Neugeborene klagten mit. in ihren dünnen, hohen Stimmellen. Da und dorl sah" eine Muller. die schon geboren hatte, im (besprach mit der Nachbarin oder der Pllegeschwester, oder über einem Buche. luidlich erreichten sie das Bett der Mutter. Als sie das verzerrte, dunkel verfärbte Gesicht erblickten, erkannten sie sie zuerst nicht. Als sie endlich sahen, daß es wirklich die Mutter war. wurden sie verlegen und wul.)len niclil recht, wozu sie gekommen waren. Sie wären alle am liebsten wieder fortgelaufen, ganz gleich wohin. luidlich faßten sie sich ein wenig, und der Vater brach die Stille. Er hatte ein schuldbewußtes Gefühl, als er mit ihr sprach. Nein, es war das Kind tot geboren. Mehr wollte sie nicht sagen. Sie wollten sie dazu bringen, zu erzählen, von dem kleinen Totgeborenen zu sprechen aber so schwach sie war, denn sie halte viel Blut verloren, hatte sie doch die Energie, das Gespräch zu wenden. Sie war weltklug. wie alle Krauen, und müde vom ewigen Gebären. War es nicht i h r Blul und i h r Mut, die in der blauen f lamme der Schmerzen geslähll worden waren? Sie hatte1 das gute Recht, davon zu schweigen. Daß sie selbst am Rande des Abgrunds geschwebt hatte, erzählte sie ihnen auch nichl. Aber sie mußten es sehen, es war nicht zu verheimlichen. Kein Wunder, daß das Kind totgeboren war. Das Leben war der Mutter nicht günstig gewesen. Sie halte bitlere Entbehrungen mitgemacht, hatte für ihre Kinder gehungert und gefroren, hatte manche Krankheit ertragen. Ihr Körper war erschöpft, gebrochen, unfähig, wieder zu gebären. Aber hilflos und schwach, wie sie war, sah sie. wie viel hilfloser noch Mann und Kinder ohne sie waren. Eine große Liebe stieg von neuem in ihrem Herzen empor, der geheime Quell, der im Multerherzen nicht versiegt. Die Toten sind tot, laßt sie ruhen. Bald werden sie vergessen sein, von allen, nur nichl von einer. Das Leben gehörl den Lebenden. Die Toten haben keine Ansprüche an sie. Auf ihren schmerzverzerrten Zügen blühle ein Lächeln auf. Sie war ganz ruhig. Aus dem Amerikanischen übertragen von Paula Arnold