Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Die Wöchnerin
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 461 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WÖCHNERIN 461 liehen Geduld der Mutter erlragen. Und die scharten Gewissensbisse ließen ihnen ihr Leid, ihre Verlassenheit noch größer erscheinen. Es war wie ein Keulenschlag gekommen. Und doch — so ganz unerwartet war es eigentlich nicht. In den letzten Monaten hatte die Mutter furchtbare Schmerzen gelitten. Aber man sali es ihr nicht an — sie trug einen verzückten Ausdruck. Es war die Verzückung übermäßigen Leidens, wie sie bei zarten, übermüdeten Menschen vorkommt. Man hätte es wohl merken können — sie war dieser furchtbaren Anstrengung nicht gewachsen. Sie war viel zu abgearbeitet und abgenützt. Aber sie klagte nicht, und erst in den letzten Tagen legte sie sich zu Bett. Eines Nachts, als die Kinder fest schliefen, weckte sie leise den Vater und bat, ins Spital gebracht zu werden. Er sollte sie nur führen. Sie brauche keinen Wagen. Und sie ging richtig zu Fuß hin. V 011 Furcht gelrieben, hasteten sie weiter. Es war nur wenige Minuten Wegs, aber ihnen schien es eine ungeheure Entfernung. Und doch, so lang ihnen der Weg schien — sie alle wünschten im Innersten, er möge noch länger sein. Sie wollten das Schlimmste wissen, gewiß, mochte der Sturm sich lieber gleich an ihnen austoben — und doch wünschten sie sehnlich, das Böse wäre weit, weit entfernt, so weit, daß es sie gar nicht erreichen könne. In der Ferne zeigte sich das Spital, düster und drohend wie die Nacht, und wuchs rasch, je näher sie kamen. Spitäler sind ein Segen für jede Gemeinde, gewiß — aber man darf darin nicht sterben. Ohne viel zu fragen, drängten sie sich alle ins Büro. Die diensthabende Schwester suchte sie aufzuhalten, aber es war umsonst. Sie ergossen sich hinein wie eine Sturmilut. Unaufhaltsam. Und stumm sprachen sie alle auf einmal. Die Schwester schnitt ein Gesicht und gab müde Auskunft. Aber in ihren Augen, aus denen Erschöpfung sprach, glimmt ein Funke der Hoffnung. Was? Nein? Sie brüllten wie Betrunkene. Einer schrie es dem andern zu, wie Menschen im Sturm einander zurufen. Ihr Schreien hallte in dem großen leeren Raum matt wieder. Fls war gar nicht wahr! Es war ein Irrtum! Ein furchtbarer Irrtum. Bloß das Neugeborene war — es war eben — Die Schwester stand da. als sollte sie jeden Augenblick umfallen. Die Augen waren vor Schlaflosigkeit gerötet, die Arme hingen lose herab. Sie war so müde —