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Menorah · 1931-09-01 · Heft 9-10 (September 1931) · p. Seite 460

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 9-10 (September 1931)
Article
Die Wöchnerin
Date
1931-09-01
Page
Seite 460 (sequence 3)
Language
German
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460 ME N ORAH los — was sollten die Lippen sagen? ,0h Gott, Allmächtiger, erbarme dich der Kleinen, sieh sie doch an — nimm ihnen nicht die Mutter: Allmächtiger Gott — oh Fluch dem Ewigen — Fluch ihm, der meine Kinder* — War es Beten, war es Fluchen? Die wilden Augen der Ältesten — sie war fünfzehn — blickten den Vater voll Maß an — es war ein Wunder, daß diese glühenden Blicke ihn nicht verbrannten. Er war schuld, nur er. wenn jetzt die Mutler —- Wer sonst? Sie dachte daran, wie sie sich geschämt hatte, als ihr klar wurde, in welchem Zustand die Mutter war. Ihre Midier war ja noch nicht alt, gewiß nicht. Aber ihr war zumute, als müsse sie die Multer verleidigen, entschuldigen, wenn jemand eine ironische Bemerkung machte, wenn sie nur ein vielsagendes Lächeln zu bemerken glaubte. Und sie bemerkte, sie glaubte zu bemerken, daß jeder Bekannte, ja jeder Vorübergehende sich über ihre Mutter lustig machte. Zuerst hätte sie am liebsten gesagt: ,Bitte, seht sie doch nicht an!' Später dann lügte sie in Gedanken hinzu: ,Was kann denn sie dafür? Oder gar ich?* Und schließlich, in höchstem Zorn: .Was geht Euch das an. zum Teufel noch einmal? Geht zum Kuckuck, wenn es Euch nicht paßt!' — Sie wußte nicht recht warum, aber sie schämte sich, und sie schände sich ihrer Scham. Die Kinder wuchsen heran — sie war schon erwachsen. Was hatte der Vater — sie wußte eigentlich nicht, was der Vater halte. Ks war ein Knäuel von Gedanken und Vermutungen, das sie gar nicht entwirren wollte, selbst wenn sie es gekonnt hätte. Aber daß er schuld war, das wußte sie. Und sie begann den Vater zu hassen. Zuerst nur im tiefsten Herzen. Bald aber zeigte sie ihren Haß. Und jetzt sali man ja, wie berechtigt er war! Der nächstältere Junge, ein verträumtes, naives, feinfühliges Kind, hielt das tränenüberströmte Antlitz dem tintenschwarzen Himmel entgegen, und sein zarter Körper wand sich wie in Krämpfen. .Oh Gott, warum muß sie uns genommen werden? Lieber Gott, warum nimmst Du sie uns? Sie ist unser Fleisch und Blut. Wenn Du uns sie nimmst, schlägst Du uns eine Wunde, die keine Zeit heilen kann. Oh Gott, sei nicht ungerecht. Lieber Gott, bitte nicht!" — Er klagte und betete laut. Das jüngste Kind, ein eigensinniges, leidenschaftliches Geschöpf, ergoß ihren Haß gegen das Neugeborene, das sie noch gar nicht kannte. Das Kind war schuld, das fühlte sie. Das Kind und niemand anders! Alle fühlten sich verlassen, vereinsamt in dem tiefen Urwald, der das Leben heißt. Was sollten sie ohne Mutter anfangen? Bis jetzt war ihnen nie klar geworden, was sie ihnen bedeutete. Sie waren oft ungerecht und grausam gegen sie gewesen. Sie hatte alles mit der imend-

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