Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Die Wöchnerin
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 459 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WÖCHNERIN 45 \) sonderbarer, fremdartiger Ausdruck —- sie konnten sich keinen Vits darauf machen. Der Vater war schon vor zehn Jahren nach Amerika gekommen. Die lange, nie endenwollende Suche nach Arbeit, Tag für Tag, Jahr für Jahr, halle alles Interesse für die Sprache ertötet, für die fremden Worte, die ihn doch einst so gefesselt hatten. Er war ein düsterer, schweigsamer, scheuer Mensch geworden, Leid und Furcht hallen seinen mageren, asketischen Zügen ihren Stempel aufgedrückt. Man sah ihm an. daß das Lehen ihn untergekriegt hatte. Seine harten, farblosen Augen glänzten in derselben Angst, die den Blick des gehetzten Kehs erfüllt. Entschlafen! .letzt wandten sie sich an die Nachbarin. Sie war doch eine Amerikanerin sie konnte doch so gut Englisch! Bitte, was sollte das heißen entschlafen? Aber sie schüttelte den Kopf. Leider leider sie wußte es auch nicht. Es mußte wohl im Spital etwas vorgefallen sein. Sie biß sich auf die Zunge. Langsam ging ihnen ein Licht auf etwas vorgefallen? Jm Spital? Ein vielstimmiger Schrei löste sich von ihren Lippen. Jm Spital etwas vorgefallen sie stöhnten, sie erschauerten, wie Kinder im Schlaf. Unmöglich! Unmöglich! Es war ein böser Traum. Und doch der Mensch neigt zu allem Traurigen, allem Furchtbaren es bahnt sich den Weg zum (ilauben. iiUs menschliche Herz hinein. Schnell ins Spital! Es war nur ein paar "Minuten entfernt. Sie liefen alle im Trab, die Gedanken eilten voraus. Und wie sie liefen, schluchzten die Kinder bitterlich. Der Nebel und die Dunkelheit schluckten ihr Seufzen und Weinen. Aber jeder Klagelaut, der sich ihnen entrang, schien die Kinderherzen zu zerreißen. JlLjs war eine unfreundliche, bitter kalte Nacht. Der Nebel hatte sich über die Stadt gelagert wie widriger Schleim, er kroch in alle Fügen, in alle Herzen, er brachte schwermütige Gedanken an Einsamkeit und Tod. Langsani Hei ein dünner, böser Regen, stechend, schmerzhaft. Vom Flusse herauf heulten die SchilTssirenen. Es war. als beklagten sich gekränkte, verlorene Menschen, von Hunger und Krankheil zermürbt ----- und beklagten sich umsonst, die Nacht wollte sie nicht hören. Die schluchzenden Kinder flachten: .Warum klagen die Schilfe so bitterlich? Ilaben sie auch Mütter? Sind ihre Mütter auch - oh Gott, warum, warum?" Sie riefen es laut. Nur der Vater blieb stumm. Düster und ausdruckslos wie immer sah er in die Nacht. IMoÜ die Lippen bewegten sich unaufhörlich laut-