Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Die Wöchnerin
- Date
- 1931-09-01
- Page
- 458 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912908-2912914-2927278--10705-2927450- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WÖCHNERIN Von Alexander Godin Niemand war zu Hause, als das Telegramm kam. Eine Nachbarin unterschrieb das Rezipisse und nahm die Nachricht an sich. Bald kamen die Kinder heim, eines nach dem andren, und schließlich der Vater seihst. Alle schienen sie Unheil zu wittern, so scharf waren ihre Instinkte. Sie Fühlten, daß einem der ihren Gefahr drohe ganz wie es ein Tier des Waldes fühlt und herbeieilt — scheu, zitternd, bis ins Innerste erschüttert durch nagende, grausame Angst, eine Angst, die starker ist als der Hunger und größer als der Tod. Die Nachbarin ölfnete ihre Türe und steckte den Kopf hinaus. Wie? Ein Telegramm für sie? Zuerst sahen sie erstaunt drein, dann packte sie die Furcht ein Telegramm? Für wen? Wozu? Wieso? Was konnte das nur bedeuten? Der Vater nahm es zögernd in die Hand, als fürchte er sich vor dem Inhalt. Telegramme brachten immer nur bnse Nachrichten - Gefahr — Unglück —- Tod, Tod. Tausend Stimmen klagten in seiner Brust, lieblich und schrecklich zugleich. Endlich rall'le sich der harte Kern in ihm auf und rief ihm zu: Sei ein Mann. Denk an die Kinder! Er riß den Umschlag auf. Lange starrte er auf die Zeilen und bemühte sich, ihren Inhalt zu begreifen — sein Englisch war noch so klaglich und unzulänglich! Die Kinder streckten die Köpfe, über seine Schuller und lasen mit. Die jungen Herzen bebten und pochten wie Schmiedehämmer. Die Nachbarin hatte sich so gestellt, daß sie mit Leichtigkeit lesen konnte, was da stand. Langsam, Wort für Wort, lasen sie es alle zusammen. Es hieß: Teilen h e r z 1 i c h 1) e d a u e r n d m i 1 W ö c h n e r i n B e s s i e K a 1 z e n t s c h 1 a f e n. L i n c o 1 n - S p i t a 1. Entschlafen! Die Nachbarin wurde schnecblaß. dann aschgrau: sie begann mit den Zähnen zu klappern. Aber die andern merkten es nicht. Entschlafen! Was hieß denn das? Was konnte das bloß heißen? C) Gott, was würden sie doch geben, wenn sie das Wort verstehen, wenn sie ihr Herz beruhigen, ihr glühendes Hirn kühlen könnten! Die Kinder waren erst kürzlich mit der Mutter ans Europa gekommen, und. obwohl sie schon recht gut lesen konnten, und verstehen, was man sprach, blieb ihnen dies Telegramm doch ein Rätsel. Es war so ein