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Menorah · 1931-09-01 · Heft 9-10 (September 1931) · p. Seite 433

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 9-10 (September 1931)
Article
Der Taschenspiegel
Date
1931-09-01
Page
Seite 433 (sequence 3)
Language
German
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DER TASCHENSPIEGEL 433 Am selben Abend brachte Raheis Vater den jungen Bocher mit. Der Gast hatte eine gelbliche Gesichtsfarbe, war zaundürr, ging in abgerissenen Kleidern herum und roch stark nach Knoblauch. 13ei der ersten Gelegenheit flüchtete Rahel auf den Dachboden und versteckte sich im Heu. Erst als ihr Vater mit dem Bocher weggegangen war, um für ihn im Dort ein Bett zu suchen, kam sie wieder herunter. Sofort sprang Gintel wütend auf sie zu und gab ihr zur Belohnung für ihre Frechheit ein paar Ohrfeigen. Wollte Rahel ihrer Verworfenheit etwa noch dadurch die Krone aufsetzen, daß sie absichtlich einen künftigen Rabbiner abwies — um ihre Mutter auf diese Weise auch noch um einen erwünschten Schwiegersohn zu bringen, nachdem sie sie schon einmal, anläßlich ihres unerbetenen Erscheinens in diesem Erdental der Tränen, der Holfmmg beraubt hatte, dereinst einen Rabbiner zum Sohn zu haben! Rahel ging heulend zu Bett, den Spiegel aber verbarg sie an ihrem Busen. Der nächste Morgen brachte dem Städtchen und den Nachbardörfern eine furchtbare Überraschung: Manzin hatte sich im Laufe der Nacht mit sämtlichen Einlagen und Depots in aller Stille empfohlen. Der Bocher machte sich, als er hörte, daß auch Rahel zu den Opfern Manzins zähle, schleunigst auf den Rückweg nach Kowno. Gintel riß sich in ihrer Verzweiflung beinahe die. Haare aus und fand für den flüchtigen Manzin alle jene Kosenamen, über die die Juden in derartigen Fällen in so reichem Maße verfügen. Rahel aber lief auf den Dachboden und tanzte vor Freude im Heu herum. Manzin hatte durch seine schnöde Flucht wohl das Leben so manchen armen Mädchens zerstört, ihres aber gerettet! Nachdem der erste Freudenrausch vorüber war, kam ihr die schreckliche Tatsache zu Bewußtsein, daß sie jetzt keine Mitgift mehr besaß. Dieselbe entsetzliche Gewißheit beherrschte das ganze Städtchen, und zahlreiche Mädchen kratzten in ihrem panischen Schrecken die letzten Ersparnisse zusammen, um nach den gelobten Ländern England und Amerika zu pilgern. Dort gab es noch Arbeit, dort konnte man eine Menge Geld verdienen, das Leben genießen und sich schließlich gut verheiraten. Es bildeten sich ganze Trupps, und auch Rahel wurde aufgefordert, mit einem von ihnen nach London zu fahren. Wie schlug ihr Herz schon bei dem bloßen Gedanken, wie krampfhaft umklammerte ihre Hand den kleinen Spiegel, den sie im Busen versteckt hielt. Aber sie hatte ja keine Kopeke und ein Billet dritter Klasse kostete mindestens fünfzig Rubel. „Warum weinst Du, mein Töchterchen*?" Rahel schaute rasch auf.

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