Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Mystik als Volksbewegung
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 415 (sequence 7)
- Language
- German
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MYSTIK ALS VOLKSBEWEGUNG 415 ersten Bannstrahl (Gherem) gegen die Chassidim. Im selben Jahre starb auch der „große Maggid" nach 12 jähriger Wirksamkeit als Führer der neuen Bewegung. Er hat den Ghassidismus nicht nur in den agitatorischen Methoden gefestigt, sondern auch im System der Lehre selbst. Dazu bediente er sich (im Gegensatz zum Beseht) zusammenhängender Predigten. Auch diese wurden nicht von ihm selbst, sondern erst später — natürlich unvollständig — von einem seiner Schüler, Rabbi Salomo von Luck, aufgezeichnet. Der Maggid hat die theoretischen Probleme des Ghassidismus tief ergreifend gefaßt als sein Meister, aber auch in Fragen der Praxis größere Strenge geübt als der Beseht. Seine Grundauffassung gibt am besten der Spruch wieder: ,,Die Kraft des Wirkenden ist im Gewirkten und alles zusammen ist einfache Einheit." Nun sei der Mensch nur dann fähig, die höchste Stufe zu erreichen, wenn er es gelernt habe, sein Selbst vor Gott verschwinden zu lassen und „die Wirklichkeit zu überwinden". Nur einzelne Auserwählte vermögen sich natürlich zu einer solchen das ganze äußere und innere Leben des Menschen durchdringenden Frömmigkeit zu erheben. Dadurch erhielt der Zaddikismus in der Lehre des Maggid eine viel tiefere Begründung als sie der Beseht gegeben hatte. Dieses theoretische Fundament des Zaddikismus wurde dann von den Jüngern und Nachfolgern des Maggid praktisch angewendet, indem sie unter Berufung auf den Maggid den Zaddik für den Auserwählten erklärten, dem es gegeben und dessen Sache es sei „für die Kinder Israel zu beten, für die Siechen Heilung, für die Unfruchtbaren Kindersegen und für jeden seinen Unterhalt herbeizuziehen" (das heißt von der oberen in die untere Welt hinabzuziehen). Dies wurde der Grundstock der berufsmäßigen Mittler- und Wundertätigkeit für Geld, die dann zur raschen Entartung des Chassidismus führte. Durch den Maggid von Meseritsch wurde auch die bereits erwähnte Abänderung der Gebetordnung, die bei den Ghassidim schon zu Lebzeiten des Beseht in Gebrauch war, offiziell eingeführt, nämlich die Anordnung der Gebete nach seph ardischem Ritus, die im sogenannten „Gebetbuch des Ari" zusammengefaßt ist und schon früher von einzelnen Kabbalisten verwendet wurde. Diese weiß Gott geringfügige „Reform" wurde dann das Signal zum Kampf des Rabbinismus gegen die chassidischen,,Sektierer", einem Kampfe, den der Chassidismus siegreichbestand. Diese große Auseinandersetzung, die fast drei Jahrzehnte währte, mußte ausbrechen, denn die Bedrohung, die der immer stärker vordringende Chassidismus für die rabbinische Form des Judentums darstellte, steigerte sich, als die bisher mündlich verbreitete Lehre des Beseht in eine