Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Mystik als Volksbewegung
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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414 MENORAH Beseht erklärt, daß wohl die Ankunft des Messias „in eine weite Ferne gerückt ist", daß jedoch die Verbreitung der chassidischen Lehre als der alleinige „Pfad der Erlösung" zu gelten habe. So tritt also hier das nationale Moment des Messianismus gegenüber dem religiösen, dem Prinzip der individuellen Erlösung, fast völlig in den Hintergrund. In diesem Sinne ist auch die ablehnende Stellungnahme des neuen religiösen Führers zu der noch immer unterirdisch nachzitternden Bewegung zu erklären, die das Auftreten des Sabbatai Zwi entfacht hatte, ebenso wie der Kampf des Beseht gegen die in seinen letzten Lebensjahren in seiner unmittelbaren Nähe auftauchende talmudfeindliche Lehre des Jakob Frank und seiner Anhänger. Daß der Beseht an der im Jahre 1759 stattgefundenen zweiten Frankistendisputation vor dem Bischof zu Lemberg auf Seiten der rabbinischen Partei teilgenommen habe, ist freilich eine Erfindung der chassidischen Legende. Es ist nicht anzunehmen, daß der Mann, der vom Rabbinismus nicht ,,für voll genommen" wurde (seine rabbinischen Zeitgenossen bezeichneten ihn als Am-haarez), als Vertreter des Rabbinismus zu einer solchen heiklen Affäre herangezogen worden wäre. Rabbi Israel hinterließ neben einer Tochter einen Sohn, Zwi, der sich jedoch nicht dazu eignete, des Vaters Nachfolger zu werden. Daher entschloß sich der Beseht in seinen letzten Tagen, für die Leitung der chassidischen Gemeinschaften einen seiner begabtesten Jünger, den M a g g i d (Prediger) Dow Bär aus Meseritsch zu bestimmen. Dies hatte zur Folge, daß nunmehr Meseritsch, der Wohnsitz des neuen Führers, das Zentrum der chassidischen Bewegung wurde und auf diese Weise sich der Schwerpunkt des Chassidismus von Podolien nach Wolhynien verschob. Da um die gleiche Zeit einer der stärksten Propagatoren der Lehre des Beseht, Rabbi Jakob Josef, Rabbiner im wolhynischen Polonnoje wurde, spann die neue Bewegung aus ihrem neuen, den nördlichen Judenprovinzen Litauen und Weißrußland benachbarten Zentrum ihre Fäden auch in diese beiden Länder, in die nun der Ghassidismus immer stärker eindrang. Dazu kam noch, daß der Maggid von Meseritsch ein hervorragender Talmudgelehrter und Kabbalakenner war und daher die Fähigkeit besaß, nicht nur die einfachen Leute, sondern auch die Thorakundigen, die Rabbiner und Kabbalisten, an sich zu ziehen. Überdies ließ er die Lehren des Ghassidismus auch durch Wanderprediger verbreiten. Diese Propagandaoffensive des Chassidismus führte auch zu den ersten größeren Zusammenstößen mit der sich bedroht fühlenden rabbinischen Orthodoxie und im Jahre 1772 in der großen Judengemeinde Brody zum