Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Mystik als Volksbewegung
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 413 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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MYSTIK ALS VOLKSBEWEGUNG 413 wenn es als eine Art Andacht aufgefaßt wird und das Denken des Menschen zu höheren Regionen emporhebt. Das Hauptziel des Studiums ist daher die Förderung der zur Gottesfurcht hinleitenden Moral. Nicht auf die Vollzähligkeit, sondern auf das Was und Wie kommt es bei der Beobachtung Gebote an. Der Gottesdienst, der den Trübsinn bekämpfen soll, darf sich aber nicht bloß auf Andacht und Thorastudium beschränken, sondern soll das ganze Leben des Menschen erfassen. ,,Es ist ein wichtiges Prinzip, daß in allem, was es in der Welt gibt, heilige Funken vorhanden sind, sogar in Holz und Stein, und auch in allen menschlichen Handlungen, selbst in der Sünde" — lehrt der Beseht und: „Wer die Kraft besitzt, durch seinen Geist den heiligen Funken aus den niederen Reichen in das Reich der redenden Wesen zu erheben, der. . . vollbringt ein Befreiungswerk, wie es kein größeres gibt." Es gibt mehrere Stufen in der Chassiduth, jenem Gottesdienst zum Zwecke der innigen Vereinigung des Bewußtseins mit dessen Urquell. Wer sich würdig erweist, die höchste Stufe zu erreichen, der verdient ein Z a d d i k (Gerechter) genannt zu werden. Da aber nicht jedermann der höchsten Stufe würdig ist, sei der Zaddik dazu bestimmt, ein Bindeglied zwischen der oberen und der unteren Welt zu sein. Und wenn der einfache Mann an den Zaddik glaubt, hat dieser fürsprechenden Einfluß in den höheren Welten. Diese Lehren, die das Gefühl über den Verstand erhoben, Glauben über Studium, Freude über Trauer und Kasteiung stellten, Liebe zu Gott höher setzten als Gottesfurcht, also gewissermaßen die Gottheit dem Menschen und den Menschen der Gottheit unmittelbar nahebrachten, fanden rasch den Weg zum Herzen der Masse, umsomehr als dem vom Tagwerk und seinen Sorgen belasteten Durchschnittsmenschen in dem Zaddik ein Fürsprecher und Mittler gegeben war, der jedes Einzelnen Wünsche und Gedanken nach „oben" zu leiten vermag. So fand denn die neue Lehre rasche Verbreitung in den jüdischen Orten der Ukraine und schon zu Lebzeiten des Beseht gab es zahlreiche ,,Zellen" des Chassidismus in der Form von besonderen Bethäusern (Minjanim). Dieser Umstand scheint in dem Beseht die Überzeugung von einer auf ganz Israel bezüglichen Sendung „Erhebungen der Seele zu vollziehen" gefestigt zu haben; dies kommt in zwei Sendschreiben (aus den Jahren 1746 und 1749) zum Ausdruck, die sich mit äußeren Ereignissen — einer Ritualmordaffäre in der Stadt Saslawl und den Haidamakenpogromen in der Ukraine — befassen und dabei auch zum Problem des Messianismus Stellung nehmen. Die Botschaft des