Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Mystik als Volksbewegung
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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412 MENORAH Galiziens und Podoliens, aber selbst in verschiedenen Städten Wolhyniens und des Bezirkes von Kiew ausgeübt zu haben. Der Kern seiner „Wunder" scheint Andacht, also inbrünstiges Gebet gewesen zu sein, denn er war überzeugt, daß der innigen Andacht die Kraft innewohne, „Veränderungen in der höheren Welt" herbeizuführen. Etwa um 1745 verlegte der inzwischen sehr populär gewordene Baal-Schern seinen Wohnsitz nach dem Orte Miedzyboz in Podolien, wo er bis zu seinem Tode (1760, am ersten Tage des Wochenfestes) verblieb. Sein Grab und das seines Enkels Rabbi Nachman von Brazlaw, von den Ghassidim in aller Welt heilig gehalten, wurde auf Befehl der ukrainischen Räteregierung als „Brutstätte des Aberglaubens" zerstört. In Miedzyboz wurde aus dem Wundertäter Rabbi Israel Baal- Schern ein religiöser Führer. Seine Lehren hat er nie schriftlich niedergelegt; es scheint überhaupt, daß dieser Mann, der die halbe jüdische Welt umformte, weder rednerisch, noch schriftstellerisch begabt war, ja daß sich sein religiöses Wissen durchaus nicht über den Durchschnitt erhob, vielleicht sogar unter dem Durchschnitt stand. Aber er muß die ungeheure Fähigkeit besessen haben, im Gespräch durch kurze, leichtfaßliche Sentenzen oder Bilder das Herz des Hörenden zu packen und damit das System seiner Lehre auf die volkstümlichste Weise auch dem einfachen Manne (oder gerade diesem) einzuprägen. Die Aufzeichnung dieser Aussprüche und Parabeln des Beseht geschah erst später durch seine Schüler und Jünger, wobei natürlich manches verwischt oder manchmal mit Absicht verändert wurde. In diesen Sprüchen und Aussprüchen läßt sich ein Lehrsystem erkennen, das in dem erwähnten Werk von Dubnow als mystischer Pantheismus charakterisiert und ungefähr folgendermaßen zusammengefaßt ist: Der Schöpfer weilt stets mitten in der Schöpfung und so ist die Natur nur das Gewand der Gottheit. Das Sichanschmiegen des menschlichen Geistes an die Gottheit — darin offenbart sich der ganze Mensch. Diese Gottinnigkeit sichert dem Menschen den inneren Frieden und gibt ihm die seelische Stärke, allein Mißgeschick dieser Welt zu trotzen. (Man beachte den reinen Optimismus dieser Weltanschauung, für die nach den Worten des Beseht „das Böse nur des Guten unterste Stufe" ist.) Der kürzeste Weg zur Vereinigung des Menschen mit dem Schöpfer aber ist die Andacht, die mit innerer Sammlung zu verrichten ist. Zur Fernhaltung „ablenkender Gedanken" ist es zweckmäßig, sich bei der Andacht auch körperlicher Mittel (Hin -und Herwiegen, Tanz u. dgl.) zu bedienen. Auch das Thorastudium führt zur Vereinigung mit der Gottheit, jedoch nur