Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Mystik als Volksbewegung
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
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410 MENORAH wurde, ist eine der interessantesten Erscheinungen der jüdischen Geschichte und der gesamten Geschichte der Religionen. Sehen wir doch, daß zu einer Zeit, die von unseren Tagen etwa eineinhalb Jahrhunderte zurückliegt, in unglaublich kurzer Zeit ein neuer Mythos entsteht, der sich um den Gründer des Chassidismus, Rabbi Israel Baal-Schern, und seine Nachfolger rankt. Und fast bis heute treibt die Legendenbildung ihre eigenartigen Blüten. In diesem seltsamen Gewirr von mystischem Kultus und Wundermären die Entstehung und historische Entwicklung der chassidischen Bewegung zu erkennen, ist mehr als schwierig und so muß die vor kurzem erschienene „Geschichte des Chassidismus4fc des berühmten jüdischen Historikers Simon D u b n o w als ganz außerordentliche Leistung historischer Methodik gewertet werden. Schon Dubnows erste Arbeiten (1888—1893) galten der Erforschung der Geschichte des Chassidismus und nun hat der Siebzigjährige dort wieder angeknüpft, wo er begonnen, und ein Werk vollendet, das sich nicht bloß bemüht, die Lehren des Chassidismus dem Denken von heute verständlich zu machen, sondern in erster Linie dieser Bewegung in dem Ablauf der jüdischen Geschichte den richtigen Platz zu geben, was die von der jüdischen Aufklärung beeinflußte Geschichtsschreibung nicht vermocht hatte (waren doch Aufklärung und Chassidismus stets Antipoden gewesen). Mag nun auch in Dubnows historischem Bilde vom Chassidismus manches ein wenig zu pragmatisch, manches zu wenig soziologisch gefaßt sein, sicher ist: Dubnows Werk, dessen erster Band jetzt deutsch vorliegt*), ist ein historischer Bau auf sorgfältig gemauertem Fundament und rückt mit starker Plastik die Entwicklung dieser in das Dunkel von Mystik und Meinungsstreit getauchten jüdischen Volksbewegung in das helle Licht der geschichtlichen Wahrheit. Die Entwicklung von der mystischen Lehre zur Volksbewegung hat im Chassidismus verschiedene geistige Unterströmungen und Richtungen hervorgebracht. Aber im Grunde ist sein innerer Gehalt durch die Lehren bestimmt, die sein Schöpfer, Rabbi Israel Baal-Schern, in der Abbreviatur „Bescht'c genannt, und dessen erste Nachfolger, der Maggid Dow Bär von Meseritsch (in Wolhynien) und Rabbi Jakob Josef Kohen, der eigentliche Schöpfer des chassidischen Schrifttums, geformt, beziehungsweise niedergelegt haben. Diese Lehrformen bewirkten im größten Teil des Judentums in Osteuropa jene Lebenseinstellung, die man als chassidische Gemeinschaft bezeichnet und die vielleicht — das sei gleich vorweggenommen — die stärkste Scheidelinie zwischen der *) Simon Dubnow: Geschichte des Chassidismas. Erster Band. Aus dem Hebräischen übersetzt von Dr. A. Steinberg, 1931. Jüdischer Verlag, Berlin.