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Menorah · 1931-09-01 · Heft 9-10 (September 1931) · p. 409

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 9-10 (September 1931)
Article
Mystik als Volksbewegung
Date
1931-09-01
Page
409 (sequence 1)
Language
German
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MYSTIK ALS VOLKSBEWEGUNG m die Mitte des 18. Jahrhunderts, als in Mittel- und Westeuropa J die Auflösung der überlieferten Lebensformen schon so weit vorgeschritten war, daß dieser Prozeß auch auf das jüdische Ghetto übergriiT und es in den neuen Kulturstrom der Umwelt riß, entstand unter den Juden Osteuropas eine geistige Bewegung, die es vermochte, die alten jüdischen Lebensformen zu erneuern und für etwa ein Jahrhundert widerstandsfähig zu machen. Es war der Ghassidismus. Bis heute wird er oft eine religiöse Sekte genannt (besonders gern bedient sich die antisemitische Propaganda dieses Wortes), obwohl er die überlieferten Anschauungen und Bräuche der Religion (ausgenommen geringfügige Änderungen der Gebetordnung) völlig unverändert ließ und auch an dem seit je maßgebenden Prinzip der jüdischen Religion — Erhaltung der Nation -— festhielt. Dennoch hat der Chassidismus den größten Teil des Judentums bis in seine Tiefen aufgewühlt, denn er hat einen neuen Typus des jüdischen Gläubigen geschaffen, dem die individuell-seelischen Glaubenselemente über den generell geltenden Glaubensformen standen. Gerade dieser Umstand ermöglichte es, daß die chassidische Lehre mit ihren vielen mystischen Elementen innerhalb kurzer Zeit zur Volksbewegung wurde. Nicht mehr das vom Rabbinismus als ,,Maß aller Dinge" geforderte Thorastudium, sondern der Glaube an die immer und überall waltende göttliche Vorsehung, an Wunder, an eine sozusagen direkte Verbindung zwischen Gott und dem einzelnen Menschen, für die es eigene Mittler, Zaddikim gibt, schuf dem Individuum das Bewußtsein wahrer Frömmigkeit und sicherer Hut in der Gnade Gottes. So konnte der einfache Mann in Freude und Hingabe seinem Gott nahe sein, und das gewann dem Chassidismus die Herzen der Masse, Natürlich trug eine solche Lehre zugleich die Keime zur Entartung in sich, die in Aberglauben auf der einen, in Betrug auf der anderen Seite bestand. Überraschend schnell ist auch der Niedergang des Chassidismus eingetreten. Dennoch muß gesagt werden: bis heute offenbart sich in dieser Bewegung eine Unsumme von Lebenskraft, geistiger Spannung und seelischer Stärke, und das Judentum hat seit dem Chassidismus keine wahrhaft schöpferischen religiösen Kräfte mehr entwickelt. Wie diese mit der jüdischen Mystik (ja in gewissem Maße mit der Mystik überhaupt) eng zusammenhängende Lehre zur Volksbewegung (Die Anfänge des Chassidismus) Von E. G. Fried

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