Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1931)
- Article
- Lebensüberdruss
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 379 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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LEBENSÜBERDRUSS 379 Wien War soh au Berlin 1925 38-2 18-1 CG-5 192G 51-1 157 02-8 1927 43-8 16-6 54-5 1928 51'6 16-1 43-4 Die Zahl der Selbstmorde auf je 100.000 Einwohner aufgeteilt bei den Juden in W a rschau, in einer Stadt also, in der noch jüdische Tradition und jüdisches Leben besonders stark pulsiert, im Verhältnis zu der in W i c n und Berlin ist also ungefähr halb bis ein Drittel so klein, wie die Zahl derjenigen, die in Berlin und Wien, in den Städten also, wo die Assimilation bereits sehr stark um sich gegriffen hat, den Freitod wählen, während sie sich in den beiden letzlere Städten fast gleich bleibt. Dagegen ist die Zahl derjenigen, die bloß den V e r s u c h machen, das Leben von sich zu werfen, ohne aber den angestrebten Erfolg zu erzielen, in Wien und Warschau fast gleich, wenn sie auch absolut genommen, in Warsch a u höher als in Wien ist. Dies ist aus der nachfolgenden Tabelle zu ersehen: l b s t m o r d v e r s u c h e in Wien War scli a u 1925 114 154 1926 119 229 1927 115 184 1928 125 199 je 100.000 umgerechnet in Wien Warschau 1925 60-1 47*3 1920 10*2 43-5 1927 64-5 56-6 1928 54-8 01-2 Nicht weniger arg stellen sich die Verhältnisse in anderen Großstädten wie Lodz, Budapest usw. So betrug die Zahl der Selbstmorde in Lodz im Jahre 1925 15%, 192Ci 13%, 1927 18%, 1928 12% der Gesamtzahl der Selbstmörder. In Budapest betrug die Selbstmordquote im Jahre 1927/28 48. Ein Vergleich der jüdischen Selbstmörder mit den der nicht jüdischen bietet ein viel eindringlicheres und traurigeres Bild. So wiesen die Juden in Wien unter allen Konfessionen die g r ö 13 t e S e 1 b s l m o r d' z i f f e r auf. Diese verhält sich zu der der Katholiken wie 5 : 4, das heißt also, daß die Not bei den Juden um ungefähr ein Fünftel stärker ist, als bei den Katholiken. Die Ernstlic.hkeit der Selbslmordhandlungcn bei den jüdischen Männern in Wien beträgt 81, hei dien jüdischen Frauen 49 gegen 31 und 29 bei den Katholiken, sie ist also bei den jüdischen Männern etwas über, bei den jüdischen Frauen etwas unter dem Doppelten, als bei ihren katholischen Geschleohtsgenossen. Während seit dem Jahre 1907 bis 1928 die Zahl der katholischen Selbstmörder um 44% angewachsen ist, ist sie bei den Juden in derselben Zeitperiode um ungefähr 65%- gestiegen. Dabei darf nicht übersehen werden, daß die oben gebrachten Zahlen kein vollständiges Bild geben, daß sie vielmehr bedeutend höher sein müssen. Noch immer besteht nämlich bei den Angehörigen des jüdischen Selbstmörders das Bestreben, diese als Schande empfundene Handlungsweise zu verheimlichen oder zu verschleiern, so daß nicht wenige Selbstmorde als zufällige Unglücksfälle hingestellt werden. Da ferner die Juden eine im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung um ein Vielfaches übersteigende Zahl der Konfessionslosen stellen, dürfte der überwiegende Teil der konfessionslosen Selbstmörder auf das Konto der Juden zu setzen sein. Keine Erscheinung im jüdischen Leben liefert uns so sehr d'en Beweis dafür, daß es so nicht weiter geht und daß wir nicht länger dem Zerfall des Judentums untätig zusehen dürfen, als die täglich sich häufende Zahl der Lebensmüden. Das Schwinden des mit der jüdischen Religion mitbekommenen Prinzips der Lebensfreude, das Aufhören des so berühmten Familienlebens, das Vereinsamt sein, und die Entwurzelung in der Großstadt, die ungünstigen Wohnverhältnisse, der erbitterte, nervenzerstörende Kampf ums Dasein, der durch die abnormale Berufsgliederung gesteigert wird, der lebensaufreibende Krieg gegen den sozialen, wirtschaftlichen, politischen und gesetzgeberischen Haß der