Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1931)
- Article
- Lebensüberdruss
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 378 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912908-2912913-2927028--10544-2927203- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
378 MEN ORAH Obdach besitzt und schlimmer noch, keine Hoffnung hat, dem verarmt diese Welt, dem wird sie öd und wüst." Im Judentum und in dem auf diesem basierenden Christentum wurde seit je der Freitod abgelehnt, ja sogar geächtet. Das seit Jahrtausenden bei den Juden geheiligte Menschenlieben, dem man jede Chance zu gehen hatte, wurde durch das Interesse der einzelnen Person an ihrer Familie und ihrem Gesellschaftskreise getragen und gefördert. Dem Selbstmörder wurden daher die Beerdigungsfeierlichkeiten versagt, sein Grab mußte an einem auch schon äußerlich als minder gekennzeichneten Orte geschaufelt werden, das ist an der Grenzmauer. In England wird heute noch der Selbstmord und idier Selbstmordversuch gesetzlich mit Strafen belegt. Im alten Rußland waren die testamentarischen Verfügungen eimes Selbstmörders ungültig. Es i.st daher klar, daß bis zum 19. Jahrhundert unter den Juden und in den christlichen Staaten die Selbsttötung zu den seltensten Erscheinungen getliörte und meistens von jenen Menschen begangen wunde, die infolge physischen oder psychischen Zusammenbruches zur Selbstmordwafle griffen. Mit der französischen Revolution und der im Gefolge derselben überall und bei allen Völkern zu konstatierenden Lockerung des religiösen Empfindens beginnt die Zahl der Selbstmörder zu wachsen. Die kapitalistische Wirtschaftsform brachte auch eine vollständige Änderung in der Siedlungsart der Menschen. Waren diese früher in einer Unzahl von Dörfern und kleineren Städten ansäßig, so bilden sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts die Millionenstädte heraus. In der frühkapitalistischen Periode herrsch ten normale häusliche und familiäre Verhältnisse. Nun ist bekanntlich die Liebe zu Eltern, Geschwistern und sonstigen Angehörigen im der Regel mit allen besseren ethischen Gefühlen verbunden, sie wirkt in jeder Hinsicht schützend und hemmend. Der aus diesem Milieu herausgerissene Mensch fühlt sich in der Fremde meist entwurzelt, hilf- und trostlos. In der Großstadt fehlt oft dem Einzelnen dieser äußere Halt, den die Verwandtschaft, die Stütze im Familienleben, bietet. Die Entwurzelung der Individuen gibt sich somit auch im Selbstmord kund. Da idias jüdische Volk heute das ausgeprägteste Großstadtelement bildet, ist es klar, daß bei ihm alle jene nachteiligen Folgen dieser Siedlungsart am stärksten auftreten müssen und tatsächlich auftreten. Seit dem Jahre 1910 läßt sich überall ein stetes Anwachsen der Selbstmorde und Selbstmordversuche bei den Juden feststellen. So ist beispielsweise die Zahl dler jüdischen Selbstmörder in Wien seit dem Jahre 1913 bis, zum Jahre 1928 auf heinahe das Doppelte gestiegen, während bei den Katholiken ihre Zahl nur um zirka ein Drittel höher ist. Wohl ist diese Erscheinung auch bei der nicht jüdischen Bevölkerung anzutreffen. Bedenkt man aber, daß bis zu Beginn dieses Jahrhunderts der von den Juden aufgestellte Grundsatz, daß das Leben des Menschen ein Geschenk Gottes ist, das nur GoU 'Selbst zurücknehmen kann, in voller Geltung stand und daß heute jüdische Menschen, die noch mit beiden Füßen im traditionellen Judentum stehen, sich nicht scheuen, das Leben von sich zu werfen, so wird! man das Furchtbare in der gegenwärtigen Situation der Judenheit ermessen können. Nur in wenigen Großstädten werden die Fälle des Selbstmordes und des Selbstmordversuches genau registriert. Zu diesen gehört vor allen Wien, Berlin und Warschau. In diesen Städten stellen sich die Verhältnisse wie folgt: Selbstmorde bei den Juden in Wien Warschau Berlin 1925 77 56 117 1926 103 51 110 1927 83 54 78 1928 100 50 76 Damit man eine bessere Übersicht bekommt, geben wir die nachfolgende Tabelle: Auf je 100.000 Juden entfallen in