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Menorah · 1931-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1931) · p. 377

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1931)
Article
Lebensüberdruss
Date
1931-07-01
Page
377 (sequence 1)
Language
German
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LEBENSÜBERDRUSS Eine Mahnung an die Juden Von Leo Goldhammer Noch nie während des ganzen Verlaufes der DkisporageschichLc des jüdischen Volkes isl dessen Lage eine derart traurige gewesen, wie in den letzten Jahren. Wohl mußten die Juden in früheren Zeiten Verfolgungen und Unterdrückungen erdulden, zusehen, wie tausende ihrer Volksgenossen hingeschlachtet wurden und über Nacht die Existenz von ganzen Volksteilen zerstört wurde. Ging es ihnen aber in dem einen Lande schlecht, so waren die Verhältnisse ihrer Volksgenossen in den anderen Ländern doch so, daß sie bei ihnen Stütze und Zuflucht fanden. Wurden die Juden aus Spanien vertrieben, so wurden sie in Holland oder in der Türkei aufgenommen; konnten sie in Deutschlanid nicht verbleiben, so flüchteten sie in die Ostländer, wurden Tausende von ihnen in der Ukraine von den Horden Chmielnickis hingeschlachtet, so wurden die Überlebenden von ihren Brüdern im benachbarten Galizien oder Österreich liebevoll aufgenommen. Noch mehr, je stärker die Unterdrückung in d'em einen Lande war, desto größer war der Lebensmut und der Lebenswille, der in dem betreffenden Teil des jüdischen Volkes entfacht wurde. Es zeigt sich also auch hier die im menschlichen Leben allgemein zu beobachtend Erscheinung, daß normalerweise das gesamte Triebleben im Bewußtsein unid Unterbewußtsein auf die Selbsterhaltun.g geht. Wie ganz anders isl die Situation des jüdischen Volkes von heute 1 In keinem Land der Welt geht es den Juden so, daß sie für ihre Volksgenossen in anderen Ländern einen Lichtpunkt bilden könnten. Überall »sind die Tore für die Einwanderung gesperrt und was das Betrüblichste und Deprimierend st e ist, der Lebenswille, der Lebensmut des jüdischen Volkes ist gesunken, überall kann man eine Gleichgültigkeit unid Apathie gegen alle Abbröcklungserscheinungen innerhalb des jüdischen Lebens beobachten. Es wird gar manchem ganz eigenartig klingen: Die Statistik ist in der Lage, uns auch ungefähren Aufschluß über die innerhalb einer bestimmten Menschengruppe vorherrschenden Gefühle und Stimmungen zu geben, sie kann uns in einem gewissen Maß über den Grad der Gleichgültigkeit oder Erregbarkeit des untersuchlen Teiles, der menschlichen Gesellschaft aufklären, sie vermag uns von Freude unid Schmerz innerhalb eines Volksteiles zu erzählen. Über den Grad der Lebens freucHe, beziehungsweise des Lebensüberdrusses informiert uns wohl am ehesten die Statistik der Selbstmorde, beziehungsweise der Selbstmordversuche-. Nicht immer konnte man aus der Zahl der Menschen, idie ihrem Leben ein vorzeitiges Ende setzten, auf den Grad der Lebensfreude oder des Lebensüberdrusses schließen. In primitiven Gesellschaften, wo das Individuum vollständig von der Gemeinschaft beherrscht wird1, ist der Freitod sehr häufig. So mußten bei vielen primitiven Völkern sich jene Männer selbst töten, die ein bestimmtes Alter erreicht hatten, weil sie der Gemeinschaft keinen Nutzen mehr zu bringen vermochten, ihr vielmehr meistens zur Last fielen; die Frau beging nicht selten Selbstmord, wenn ihr Mann starb, oder der Sklave brachte sich selbst um, wenn sein Herr nicht mehr am Leben war. Bei manchen Nationen war wieder der stark ausgeprägte Individualismus der Grund für die Selbst tö hing, zum Beispiel bei den griechischen Stoikern. In all den angeführten Gesellschaftskreisen ließ also die Zahl der Selbstmorde keinen Schluß auf die bei ihnen herrschen-dten Stimmungen zu. „War der Freitod in den erwähnten früheren Epochen eine Art geistiger Luxusepidemic, eine hysterische Übertriebenheit nervös gewordener Jugend, so bringen sich heute Jugendliche ebenso um, wie Greise, Männer und Frauen in dler Fülle ihrer Kraft. Wer heute Hand an sich legt, die Gashähne öfTnet, zum Browning greift, Gift schluckt, aus Fenstern oder ins Wasser springt, den treibt die Not, den nötigt die Verzweiflung. Wer hungern muß, kein

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