Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1931-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1931) · p. Seite 370

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1931)
Article
Judentum und Feminismus
Date
1931-07-01
Page
Seite 370 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2912821-2912908-2912913-2927021--10524-2927195
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

370 MENORAH JL a n z ist die weiblichste, sinnlichste, primärste Kunst. Er spielte bei allem naturhaften Orgiasmus eine große, vielfach geheiligte Rolle. Wenn wir in der Bibel weniger von Tanz lesen, so läßt sich auch hier beobachten, daß der Protest gegen den Tanz erst mit der a nt i f em i n i s t i s c h e n Strömung begann. Früher lesen wir oft von Tanz. Zur Zeit der Könige, insbesondere zu Davids Zeiten, gab es Tänzerinnen. Es ist dies eine Tatsache von immenser Tragweite. Es zeigt ganz klar, daß erst unter den fremden Einflüssen rationale Elemente eingedrungen sind, die auch den Tanz, die musikalischeste Kunst, verdrängten. Wenn wir zudem bedenken, welche Rolle der Tanz im Chassidismus des Ostjudentums spielt (vgl. Martin Buber: „Vom Geist des Judentums") und bei den verwandtesten Völkern des Juden, den arabischen (der tanzende Derwisch!), so muß man staunen darüber, daß man sich über die psychologisch primäre Anlage des Juden zum Tanz (wie beim Weibe) hinwegtäuschen konnte in der religionsgeschichtlichen Betrachtung. Auch hier muß ich den absolut v i t azentrischen Standpunkt der jüdischen Religion hervorheben! l\ un möchte ich auf einen fruchtbaren Aspekt der Geschichte aufmerksam machen (und er versteht sich ganz von selbst in diesem Zusammenhang): das Weib überhaupt als die Ermöglicherin der Geschichte anzusehen. Die Fruchtbarkeit dieses Aspektes ist eine ungeheuere, denn sie erst ermöglicht die Betrachtung der Geschichte aus der zeitlich-metaphysischen Distanz. Man stelle sich eine einzige Tat des Menschen vor, die nicht direkt oder indirekt vom Weibe ausgeht und aufs Weib zurückmündet. Es ist ganz und gar ausgeschlossen, daß es diese Tat gibt. Ganz abgesehen davon, was die Geschichte vom Weibe ausgehend verbucht hat. Man denke sich beispielsweise die jüdische oder französische Geschichte (beide Völker sind offenbar die femininsten) ohne das Weib. Ich nenne nur wenige Namen: Debora, Jael, Judith, Esther, Bathseba, Hulda, Abigail, Dalila bei den Juden: bei den Franzosen ist Tetre supreme überhaupt nur das Weib, von dem Madonnenkult bis zur Jungfrau von Orleans, Charlotte Corday, Madame Dubarry; die Briefe der Madame de Sevigne und der Lespinasse schätzt er höher als den Hamlet und Faust. Joel macht in seiner ,.Neue Weltkultur" die feinsten psychologischen Bemerkungen über die Franzosen, nur hätte er seine Rasse zuerst nennen müssen. Man denke sich einmal die größten Kunstwerke ohne den Vorwurf des Weibes; einen „Faust" ohne Gretchen, einen „Don Juan" ohne Weiber, eine „Göttliche Komödie" ohne Beatrice, einen ,,Don Quichote" ohne

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.