Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1931)
- Article
- Der Brüsseler Internationale Sozialistenkongreß im Jahre 1891 und die Judenfrage
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 359 (sequence 9)
- Language
- German
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INTERNATIONALER SOZIALISTENKONGRESS 359 an, war aber selbst ein Grieche. Er hieß A gir iades, seines Zeichens Advokat in Paris. Er sprach von jüdischen Bankiers, von jüdischen Ausbeutern, polterte, schrie und trat sowohl gegen meinen, als auch gegen Wolders' Vorschlag auf. „Wenn es auch antisemitische Hetzereien gibt, so gibt es aber auch philose m i t i s c h e Hetzen gegen andere Völker zugunsten der Juden41 behauptete er. Nach ihm sprach ein Franzose namens Dr. Ragnard. Über seine Rede finden wir in Plechanows „Sozialdemokrat" folgende Aufzeichnungen: „Indem er die gegen die Juden gerichteten Verfolgungen verurteilt, findet er (Ragnard) jedoch, daß es eine semitische F rage gibt, die ein Teil der allgemeinen sozialen Frage ist." Hier zitiert der „Sozialdemokrat" Ragnards Worte: ,,Ich meine nämlich die Frage wegen der jüdischen Ranken, eine Frage von solcher Bedeutung, daß sie zuguterlelzt uns alle vernichten wird." Es sprachen noch andere Delegierte. Einige im Sinne Agiriades' und Ragnards, andere dagegen. Ich erhielt neuerlich das Wort. Im Tone des Erstaunens und der Entrüstung fragte ich: „Wo hat der Delegierte A gir iades den Begriff „Pbilosemitismus" ausgegraben? Wo kam es jemals vor, daß Christen im Interesse der Juden unterdrückt worden wären? Kann er uns etwa von Pogromen berichten, die Juden gegen Nichljuden veranstaltet hätten? Oder von spezieilen Privilegien, die an Juden gewährt worden seien, ohne daß sie auch die anderen Mitbürger besäßen? Und welche Bewandtnis hat das mit der Frage der jüdischen Bankiers? Ein Bankier ist ein Bankier, gleichgültig ob er Jude oder Christ ist. Was hat das mit der Judenfrage zu tun?" „Es hat schon viel damit zu tun!" unterbrach mich A g i r i a d e s. Neuerlich brach ein Lärm aus. Neben der Tribüne stand R u b an o w i t s c h, und seine freundlichen Worte flößten mir Mut ein. Ich appellierte an den Kongreß, den unsozialLstischen Anschauungen eines A g i r i a d e s und R a g n a r d keine Aufmerksam keil zu schenken und meine Resolution anzunehmen. Als ich mich wieder zu meinem Platz an einem der langen Tische, an dem die Delegierten saßen, begab, eilte der alte deutsche Führer, W i 1 h e 1 m Li e b knech h auf mich zu und sagte mir aufgeregt in englischer Sprache: „Mit Ihrer Geschäftigkeit fügen Sie sogar Ihrem eigenen Vorschlag Schaden zu."