Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1931)
- Article
- Der Brüsseler Internationale Sozialistenkongreß im Jahre 1891 und die Judenfrage
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 354 (sequence 4)
- Language
- German
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354 MENORAH erklärte mir das so ernst und mit solcher Wärme, daß ich der Einladung Folge leistete. Iii Brüssel lehten zu jener Zeit nur wenig Juden, beinahe alle waren Geschäftsleute und in der Mehrzahl sehr reich. Der Rabbiner, ein intelligenter, moderner „Reverend", gehörte der Reformgemeinde an. Er hieß D r e y f u s und war späterhin Oberrabbiner von Paris. Im Laufe der Unterredung gab der Londoner Journalist dem Rabbiner zu verstehen, daß ich eine Resolution bereit habe, die ich am Kongreß zu Punkt 4 vorzuschlagen beabsichtige. Der Rabbiner erklärte mir erst mit versteckten, dann mit offenen Worten, daß ihn meine Resolution beunruhige. Die Juden hätten so viele Feinde! Und nun. da man von einer sozialistischen Bewegung unter den Juden vernehmen werde, wäre nieine Resolution geeignet, die Antisemiten aufzureizen. Es wäre also wünschenswert, dieser Gefahr Rechnung zu tragen und in meiner Rede die größte Vorsicht walten zu lassen. Es entspann sich eine höfliche Debatte, ich merkte, daß ihm unser Standpunkt absolut unbekannt war, und seine Beunruhigung schien mir komisch. ,,Zittern die jüdischen Rankiers um ihre Haut?" sagte ich dann zu R u b a n o w i t s c h, als ich ihm von meinem Besuch Mitteilung machte. Ich erwähnte bereits, daß die Delegierten an dem Flugblatt, das von den jüdischen Arbeitergewerkschaften, von ihren Streiks und erfochtenen Siegen, sowie von der sozialistischen Begeisterung der jüdischen Arbeiter berichtete, großes Interesse genommen hatten. Jedoch was den Punkt 4 der Tagesordnung betraf, standen ihm nur wenige freundlich gegenüber. Manche waren sogar ungehalten, daß ein Punkt dieses Inhalts überhaupt zugelassen wurde. Wozu die Judenfrage aufrollen? Es sei doch allgemein bekannt, daß es bei Sozialisten Fragen dieser Art nicht gäbe! In diesem Sinne hatten sich auch die Führer der Deutschen Sozialdemokratie geäußert, und das hieß soviel, wie die Führer des Kongresses. Zu ihnen zählte der Jude Paul Singer, der auf einigen Sitzungen des Kongresses den Vorsitz geführt hatte. Einen ähnlichen Standpunkt vertrat Viktor Adler, gleichfalls Jude, Führer der Sozialdemokratie in Osterreich und einer der wichtigsten Persönlichkeiten auf dem Kongreß. Sie fragten mich, welche aktive Stellungnahme ich vom Kongreß bezüglich des ,,Punkt 4" erwarte, und ich zeigte ihnen die von mir vorbereitete Resolution. Diese führte aus, der Kongreß begrüße wärmstens die organisierten jüdischen Arbeiter in Amerika und verdamme den Antisemitismus. In den Einzelheiten befaßte sie sich mit den Tatsachen und Ziffern meines Flugblattes und