Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1931)
- Article
- Der Brüsseler Internationale Sozialistenkongreß im Jahre 1891 und die Judenfrage
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 352 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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352 MENORAH Sonnabends trafen wir in Brüssel ein. Arn Bahnhof empfing uns ein Komitee, dessen Vorsitzender ein eleganter junger Mann war namens Vandervelde, der nachmalige Führer der belgischen Sozialisten und Außenminister Belgiens. Er und die anderen Mitglieder des Komitees, die an ihren roten Abzeichen erkennbar waren, brachten uns ins Hotel. Brüssel ist eine alte Stadt. Seine Hauptstraßen sind breit und schön, und die Kaffeehäuser mit den auf dem Bürgersteig aufgestellten Tischen gemahnen an Paris. Das ist jedoch der neuere Teil der Stadt. Etwas weiter sind die Straßen enge und gewunden und ziehen sich steil aufwärts. Es riecht nach Mittelalter. In Brüssel gibt es auch einige ganz alte Baudenkmäler. Das Rathaus steht auf einem kleinen Platz, umgeben von Gebäuden aus dem Mittelalter. Als ich auf dem Rathausplatz stand, fühlte ich mich in das zwölfte oder dreizehnte Jahrhundert hineinversetzt. Er hinterläßt einen unvergeßlichen Eindruck. Später versammelten sich die bereits eingetroffenen Delegierten in der „Maison de Peuple", dem Zentrum der sozialistischen und gewerkschaftlichen Bewegung in Brüssel. Dort gab es einen Platz, in der Größe eines Hofes etwa, mit einigen Tischen und Sesseln; ich nahm dort Platz, und bald darauf kamen auch die deutschen Delegierten an. In der sozialistischen Bewegung nahm Deutschland zu jener Zeit die bedeutendste Stelle ein. Berlin war ein Jerusalem, von dem aus die Lehren des Sozialismus über die ganze Welt hin verbreitet wurden. Jede Begebenheit innerhalb der deutschen Bewegung wurde von allen Sozialisten als wichtiges Ereignis angesehen. August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Paul Singer galten uns nicht nur als Führer der Deutschen Sozialdemokratie, sondern als die bedeutendsten Persönlichkeiten der Welt. Deutsche Delegierte gab es in großer Zahl. Dann erschienen auch Delegierte aus anderen Ländern. Der Platz war überfüllt. Die Leute saßen und standen um die Maison de Peuple oder auf der gegenüberliegenden Straße, die abwärts führte, so daß es den Anschein hatte, als wäre dieser Teil ganz abgesondert. Jetzt aber war er von Delegierten völlig okkupiert. Es summte wie in einem Bienenstock, man hörte verschiedene Sprachen: Italienisch, Rumänisch, Griechisch, Ungarisch. Ich hatte die Empfindung, als wäre ich mit allen Sinnen Zeuge der internationalen Verbrüderung der Werktätigen aller Völker. Karl Marx' Aufruf schien mir verwirklicht; auf meine empfindsame Natur üble diese Szene eine aufwühlende Wirkung aus.