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Menorah · 1931-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1931) · p. Seite 309

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1931)
Article
Der Fluch des Vorurteils
Date
1931-07-01
Page
Seite 309 (sequence 3)
Language
German
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DER FLUCH DES VORURTEILS 309 vorhanden ist, wird auf kindische Dinge verschwendet, ihre Wohltätigkeit ist teilweise nur Protzerei. Und doch sind diese selben Juden seit unvordenklicher Zeit die größten Träumer der Menschheit gewesen, ihre größten, ganz unvergleichlichen Dichter. Es waren Juden, die die herrlichen Psalmen schrieben, das Hohe Lied, die Bücher Hiob und Ruth; Juden, welche in den „Sprüchen Salomonis" Gemeinplätze in unsterbliche Musik verwandelten; den Juden verdanken wir die Segenssprüche in Math aus, die Bergpredigt, die unvergleichliche Ballade vom Jesuskind, das zwölfte Kapitel der Römerbriefe. Ich meine, daß die Szene in Johannes VIII, 3—11, das rührendste Drama ist, das je geschrieben wurde, so wie das Hohe Lied zweifellos das ergreifendste Liebeslied ist, und der 23. Psalm der erhabenste Hymnus. All diesen unendlichen Reichtum erbte das Christentum von einem kleinen Stamm ansässiger Beduinen, so unbekannt und unbedeutend, daß die gleichzeitige Geschichtsschreibung fast nichts von ihnen erzählt. Kein Erbe der modernen Menschheit ist herrlicher, keines hat das menschliche Denken glänzender bereichert, nicht einmal das Erbe der Griechen. — Das Gesagte kann natürlich zweierlei bedeuten: entweder daß das Judentum zur Zeit seiner Blüte wirklich über all den Völkern stand, die es verachteten, oder daß die Poesie unter den Künsten nicht den höchsten Rang einnimmt. Meine persönliche Meinung neigt zu der letzleren Hypothese, doch will ich mich hier nicht damit aufhallten, sie zu verteidigen." Mencken fährt nun in seinem Aufsatz mit einer gewissen begreiflichen Erbitterung fori: ,,Der durch sichtige Unsinn einer solchen Anklage5) hielt diese Helden der Feder nicht ab: die Chance, einen Goy abzuschlachten, war gar zu verlockend. Die Folge war, daß der Passus vielfache Verbreitung fand, und zwar wurde er immer aus dem Zusammenhang gerissen, so daß er vermutlich echten «) Nämlich der Judenhetzerei. Antisemiten eine Quelle großer Freude war.. .6) „Solche Eselstritte tun anständigen Juden weh und schaden ihnen sogar, aber ich wüßte nicht, was sich dagegen tun läßt. Ich persönlich denke höchst ungern bei irgend einem Menschen an eine bestimmte Rasse, Religion oder Farbe. Es gibt so wenig Menschen, deren Bekanntschaft sich verlohnt, daß es schandbare Verschwendung wäre, sich durch rassenmäßige Vorurteile die Freude an solchem Verkehr stören zu lassen .. .7) „Die Klügeren unter den jungen Negern sagen, daß es weit intelligenter ist, mit den vergeblichen Versuchen zur Anpassung und Annäherung aufzuhören, lieber ihr Negertum offen zuzugeben umd stolz darauf zu sein. Das scheint mir der vernünftige Standpunkt zu sein. Und er zeugt nicht nur von Vernunft, sondern auch von Selbstachtung. Da ich einem Volkstum angehöre, das vor einiger Zeit bei hundertprozentigen Amerikanern in weit schlimmerem Geruch stand als das der Juden oder Neger8), kann ich da auch ein Wörteben mitreden. Die Deutschen, die während des Wilsonschen Kreuzzuges ruhig und korrekt ihren Standpunkt wahrten, die sich nicht bemühten, ihre Rasse oder ihre Gefühle zu verbergen, sind heute allgemein geachtet, ja man tut eher zu viel des Guten an freundlicher Aufmerksamkeit für sie. Diejenigen aber, die ein falsches Gesicht aufsetzten und demonstrativ den amerikanischen Patrioten hervorkehrten — glücklicherweise eine Minderheit, wie ich glaube — werden heute von angelsächsischen Amerikanern gleichwie von ihren eigenen Landsleuten verachtet. Manche haben seinerzeit klingenden Lohn für ihre Fahnenflucht eingeheimst, aber ich kenne keinen, dem heute wohl in seiner Haut wäre. Sie wissen sehr gut. daß sie Feiglinge und Possenreißer waren, und sie wissen überdies, daß die Andern es wissen. 6) Diese Fol^e wird des Näheren ausgeführt. 7) Mencken spricht nun ausführlich vom Neprerproblem und den Versuchen der Farbigen, sich den Weißen anzubiedern. 8) Mencken ist der Sohn deutscher Eltern, aber in Amerika geboren. Er war tiner der unerschrockensten Gegner der Alliierten.

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