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Menorah · 1931-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1931) · p. Seite 292

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1931)
Article
Was der Baumeister Salman erzählt
Date
1931-07-01
Page
Seite 292 (sequence 2)
Language
German
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292 ME N O RAH von Bier und Branntwein, gefüllten Fischen und sauren Gurken lagerte. Aus ihr drang Tag und Nacht das Johlen und Singen der Betrunkenen, oft auch Weinen, Fluchen und das angsterregende Getümmel einer wilden Schlägerei. Die Armut kauerte sich in der „Rinne" zusammen, durch die enge, ungepflastexte Gäßchen zwischen einer Unmenge kleiner, halb verfallener Häuser unregelmäßig in planlosem Zickzack liefen. Der schwer durchwatbare Straßenkot trocknete fast nie, denn er wurde immer wieder durch die vollen Eimer Spülwasser aufgefrischt, die vor den Türen ausgegossen wurden. Bei Tag vor dem Jammer des Todes erschauernd, in der Stille der Nacht durch die wilden Schreie der vom Wahnsinn gequälten Unglücklichen aufgeschreckt, dünkten sich die Bewohner der ,,Rinne" von allem Leid der Welt heimgesucht und waren überzeugt, es gebe keine unseligeren Menschen als sie. Ihr Gang war gebückt und ihr Rücken gekrümmt, ihre Gesichter waren bekümmert und sorgenvoll und hatten kein Lächeln, ihr Mund lachte nie und ihr gesenkter Blick haftete stets auf dem ewigen Schmutz ihrer Straßen, als fürchteten sie emporzusehen. Denn auf einer Seite glühten furchterregend die Augen in den verzerrten Gesichtern der Irren, die sich an die Gitterfenster des gelben Gebäudes preßten, auf der anderen Seite stand das Schreckbild des Todes, begleitet von wildem Klagen und jammervollem Händeringen. Am Zugang zur Rinne aber schrie ihnen die Trunkenheit entgegen; sie rief und lockte, versprach Vergessen und zugleich Vernichtung. Gelang es einem von ihnen, sich von der Rinne" loszureißen, so suchte er sie zu vergessen wie einen furchtbaren Traum. Nie wieder kam er in ihre Nähe, außer wenn er einem Toten das Geleite gab oder selbst zu Grabe getragen wurde, und mied jede Begegnung mit seinen früheren Nachbarn. Die Erinnerung allein genügte, ihm das Leben zu vergiften und alle Schrecken der ,,Rinne" aufs Neue lebendig werden zu lassen. So ist es nicht zu verwundern, daß die Bewohner der Rinne" — Fuhrleute, Lastträger, schlecht entlohnte Arbeiter, die ihren Lebensunterhalt in den Bezirken der Satten und des Reichtums suchten — nie heimgehen wollten. Ehe sie in die Rinne hinabstiegen, um zu Frau und Kind und zu der Ruhe zu kommen, deren sie nach dem schweren Arbeitstag bedurften, kehrten sie regelmäßig in der Schenke ein und verbrachten einen Teil der Nacht mit Reden und Trinken, bis die Müdigkeit und der Schlaf sie zwang, sich verzweifelt zu erheben und den Weg in die ,,Rinne" hinab zu nehmen.

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