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Menorah · 1931-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1931) · p. Seite 270

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1931)
Article
Blinde modellieren
Date
1931-05-01
Page
Seite 270 (sequence 7)
Language
German
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270 MENORAH Helen Keller geäußerte Entzücken beim Abtasten eines schönen Antlitzes und ähnliche Äußerungen hochstehender Blinden, die auf ästhetische Wertung hinweisen, nur Ausnahmen sind. Bei den meisten Kindern ist es nur die Befriedigung des Tätigkeitsdranges und der Schaffenslust, die ihnen den Modellierunterricht so lieb macht. Für die heranwachsenden jungen Leute bedeutet der Modellierunterricht weit mehr. Es war oben davon die Rede, daß bei den Blinden die Phantasie eine große Rolle spielt. Es gibt Beweise dafür, daß auch ihr Gemütsleben meist ein stürmisches ist. Nun bedenke man, wie behindert sie im Abreagieren dieser Dinge sind. Bisher war geradezu das einzige Ventil die Ausübung der Musik, aber wie wenigen ist diese Gabe verliehen? Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, zu glauben, daß die Blinden musikalischer seien als vollsinnige Menschen. Es wird nur auf etwa vorhandene Musikalität bei ihnen mehr gesehen. Den meisten bleibt es versagt, sich auf diese Weise auszuleben. Tagebücher kommen nicht in Betracht, denn die Blindenschrift, die wieder gelesen werden kann, ist viel zu kompliziert und kostspielig, um für diese Dinge zur Verfügung zu stehen. Die Kräfte des verdienten Anstaltsdirektors werden ohnehin — wie in so vielen jüdischen Institutionen! — fast ganz durch die Mühewaltung um Einbringung der notwendigen Gelder aufgezehrt. Ein Aussprechen mit Gleichgesinnten ist bei jeder Anstaltserziehung erschwert, wie erst bei den Blinden, deren Bewegungsfreiheit außerhalb so schmerzlich beschränkt ist. Die Möglichkeit, sich bildend auszuleben, ist daher diesen jungen Menschen geradezu als eine Erlösung gekommen. Ich habe einzeln mit einigen von ihnen gesprochen— mit mehreren Burschen und einem Mädchen, alle um achtzehn herum — und in verschiedenen Worten sagten alle dasselbe: das Modellieren ist ihre größte Freude, aber nicht, weil sie etwas Bleibendes damit schallen, nicht weil sie etwas Schönes bilden — daran denken sie überhaupt zuletzt — sondern weil sie ihre Gedanken und vor allem ihre Gefühle in das Werk ihrer Hände legen können. Nun begreift man, warum all diese Köpfe und Statuetten — denn auf solche beschränkt sich das Modellieren der Großen auf ihren eigenen Wunsch fast ausschließlich — warum diese Gestalten so expressionistisch anmuten. Wo der Expressionist die Proportionen des menschlichen Körpers mit verachtungsvoller Willkür behandelt, einzig besorgt um die Wiedergabe der ihn bewegenden Gefühle, arbeiten diese Blinden ganz naiv und instinktmäßig, zum Teil durch ihr Gebrechen gezwungen, auf dieselbe Art. Schon die Wahl der Themen zeigt, worauf es ihnen ankommt: ein blinder Märchenerzähler mit zwei Kindern als Publikum. Wut

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