Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Article
- Blinde modellieren
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 271 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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BLINDE MODELLIEREN 271 (ein strampelnder Männerakt). Müdigkeit (Mädchenakt). Ganz erstaunlich, wie realistisch manche Einzelheiten getroffen sind, so zum Beispiel die Rückenpartie des Mädchens, wo die schlaffen Muskeln Erschöpfung ausdrücken. Drei der begabteren Schüler schufen im Laufe einer kleinen Stunde vor meinen Augen Gesichtsmasken: ein lächelndes Kind, ein Denker mit gefurchter Stirn, ein Junge, der die Zunge herausstreckt — ein boshaftes, aber besonders gelungenes Stück Arbeit. Sie arbeiten nur mit den Fingern, ohne jedes Hilfsinstrument, und mit ganz besonderer Schnelligkeit, weil jedes Vergleichen mit einem Modell wegfällt. Ereilich ist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem eigenen Gesicht und Körper nie zu vermeiden, weil diese ja die einzigen sind, die sie wirklich gut kennen. Übrigens fallen auch sehende Künstler leicht in diese Grube, wie schon Lionardo da Vinci wußte. Es wurde dem Lehrer der Vorwurf gemacht, bei diesem Modellierunterricht der Großen lerne die Hand nichts zu, er sei bloße Spielerei. Nichts kann unberechtigter sein. Gerade beim Eingehen auf solche zarte, einmalige und beseelte Einzelheiten wie eine Gesichtsfalte, eine Muskelpartie, wird die Hand aufs Feinste geschult, weit mehr als beim Nachbilden starrer Gipsmodelle. Eine gewisse Tragödie ist unausbleiblich, wenn ein Schüler solche Begabung zeigt, daß man ihm unter normalen Umständen raten müßte, die Künstleiiaufbahn zu ergreifen. Aber diese seltenen Fälle — die übrigens in schwächerem Maße auch unter Sehenden vorkommen — sollten nicht davon abhalten, diesen Unterricht, der bis jetzt noch nirgends sonst besteht, einzuführen. Das einzige Argument dagegen, das von manchen Anstaltsleitern mit viel Erbitterung vorgebracht wird, daß nämlich die Selbstüberschätzung der Blinden dadurch steige, ist wohl nur ein Armutszeugnis für diese Pädagogen selbst. Paula Arnold