Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Article
- Blinde modellieren
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 268 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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268 MENORAH das Modell eines Dampfschiffes in der Hand gehabt hatten. Es war ein großer Erfolg. Ich muß sagen, ich war starr über das Erreichte. Ich glaube nicht, daß sehende Kinder im gleichen Zeitraum und unter sonst gleichen Bedingungen Ähnliches leisten könnten. Der Lehrer greift kaum je selbst zu, gibt nur Erklärungen und Anweisungen, wenn sie gewünscht werden. Technische Erklärungen wurden oft verlangt, und mehrmals mußte er den Eifer unterdrücken, mit dem die Kleinen jedes Detail einfügen wollten. Ein Siebenjähriger wollte durchaus die Dampfmaschine im Bauch des Schiffes unterbringen, er bettelte wiederholt um Anweisungen dafür. Olfenbar war ihm das Gefühl unerträglich, daß sein Schiff die Maschine entbehren mußte. Alle Kinder führten die Kabinen mit der Einrichtung sorgfältig aus, wiewohl sie doch durch das Verdeck unsichtbar — und untastbar — wurden. Es war rührend zu sehen, wie sie immer noch eine Kleinigkeit fanden, die sie anbringen konnten, selbst nachdem die Glocke geläutet hatte. Sie arbeiteten mit solcher Versunkenheit, solchem Eifer, daß sie höchst ungern unterbrachen, um ihre Mahlzeit einzunehmen. Einige stürzten auch nur den Kakao hinunter und steckten das Brot in die Tasche, um schnell wieder in den Modelliersaal zu können. Bis auf eines waren die fertigen Schiffe nicht nur als solche deutlich erkennbar, sondern geradezu kleine Meisterwerke. Eines sah aus wie ein Holzmodell, so genau war es gearbeitet. Ein anderes war dem Material entsprechend modelliert, hatte bestimmt künstlerische Qualitäten. Das eine weniger gelungene war von dem Siebenjährigen mit den technischen Ambitionen und dem großen Übereifer gemacht, zusammen mit dem einzigen, ganz unbegabten Zögling, einem zehnjährigen Mädchen. Immerhin war es ein Dampfschiff, aber plump und unregelmäßig. Es sah so aus, wie ich mir a priori ein von blinden Kindern modelliertes Schilf vorgestellt hätte. Das überraschende Resultat wird zum Teil durch die außerordentliche Arbeitsfreude der Kinder erklärt. Zwei andere Gründe springen dem Beobachter ins Auge: erstens die weitaus bessere Konzentration und zweitens die geschultere Hand der blinden Kinder, verglichen mit vollsinnigen. Die bessere Konzentration erklärt sich leicht daraus, daß ja die meisten Störungen und Ablenkungen aus dem Gesichtssinn stammen. Vollsinnige Kinder werden durch Grimassen oder Gesten der Mitschüler abgelenkt, ganz unabhängig von ihrem Willen, durch einen Zweig, der im Winde schwankt, ja durch eine Fliege, die sich nicht verscheuchen läßt. Einer der großen Unterschiede zwischen dem Gesichtssinn und dem Tastsinn ist ja der, daß der Tastsinn durch die