Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1931-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1931) · p. Seite 266

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1931)
Article
Blinde modellieren
Date
1931-05-01
Page
Seite 266 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2912821-2912908-2912912-2926753--10310-2926923
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

266 MENORAH Denn während vollshinige Kinder von klein auf zeichnen, malen, pikken und modellieren, ohne je Anleitung oder auch nur Anregung dazu bekommen zu haben, und sich beständig rastlos mit diesen Dingen beschäftigen, hat das blinde Kind höchstens Bausteine und ähnliches Spielzeug, mehr oder weniger fixierte, imformbare Elemente, die auch nicht im entferntesten die gleichen Möglichkeiten ergeben wie sie ein Stück Papier und Bleistift oder eine Mauer und ein Stückchen Kohle für die Phantasie des sehenden Kindes bieten. Wenn wir bedenken, daß neun Zehntel aller Sinneseindrücke dem Menschen durch das Gesicht vermittelt werden, nur ein Zehntel durch die andern Sinne, können wir dunkel ermessen, wie furchtbar unvollkommen, wie verstümmelt das Leben der Blinden sein muß. Wir sind geneigt, dies zu vergessen, weil die Bünden, wenn wir sie zu Gesicht bekommen, einen so fröhlichen und zufriedenen Eindruck machen. Sie sind eben in Gesellschaft am glücklichsten und altein am gedrücktesten, während es bei den Hörlosen genau umgekehrt ist, weil sie ihr Gebrechen in Gesellschaft am schwersten spüren, und vielleicht allein im Genüsse der Natur oder bei einem guten Buche recht zufrieden und glücklich sein können. — All dies gilt natürlich hauptsächlich für Blindgeborene oder solche, die das Gesicht frühzeitig verloren haben. Es sind dies etwa ein Drittel aller europäischen Blinden, im Orient viel mehr. Spät Erblindete müssen von einem ganz anderen Gesichtswinkel aus betrachtet werden, weil sie nicht nur eine gleichmäßige Ausbildung aller Fähigkeiten genossen haben, sondern auch über ein unerschöpfliches Reservoir an Erinnerungen verfügen, die oft so gut oder besser sind als die Wirklichkeit. In der Praxis sieht der Unterricht einfach genug aus, obzwar selbst der Laie erkennen muß, daß dazu viel Güte und Verständnis gehört, sowie eine gründliche Vorbereitung nicht nur im Fache selbst, sondern auch in der Psychologie. Daß der Lehrer eine zuverlässige Allgemeinbildung haben muß, versteht sich von selbst. Der erste Kurs besteht aus Kindern von sieben bis zehn Jahren. Schon beim Material ergibt sich die erste Schwierigkeit. Während vollsinnige Kinder nichts so sehr lieben als das Spielen mit Lehm, mit nassem Sand, ja mit Straßenkot, ist den Blinden der glatte, kalte, weiche Ton verhaßt, es graut ihnen geradezu davor. Sobald aber dieser Widerstand einmal überwunden ist, kennen Freude und Interesse der Kinder an diesem Unterricht gar keine Grenzen. Sie arbeiten zu zweit, was den großen Vorteil hat, daß sie gezwungen sind, nicht nur die eigene Arbeit zu kontrollieren, sondern auch festzustellen, was der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.