Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Article
- Blinde modellieren
- Date
- 1931-05-01
- Page
- 265 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2912821-2912908-2912912-2926753--10309-2926922- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Plastikversuche von Blinden; ausgeführt von Zöglingen des jüdischen Blindeninslituts in Wien beigeruf en werden kann. Ein Beispiel: wenn ein blindes Kind eine Walnuß kennenlernt, indem es sie auf den Boden fallen hört, sie dann aufhebt und die Schale abtastet, sie aufbricht, dazu riecht und schließlich den Kern ißt, so wird es von nun ab eine Nuß schon an einem ihrer charakteristischen Merkmale erkennen, am Geruch, am Geschmack, an der Form (in jedem Sinne) und am Geräusch, das sie beim Fallen verursacht. Als diese Dinge einmal erkannt waren, begannen die Blindenlehrer all ihre Energie auf die Ausbildung des Tastsinnes zu konzentrieren, wobei natürlich besonders die Hand in den Vordergrund trat. Heute bestellt sogar eher die Gefahr eines Übergewichtes dieser Disziplin. Aber bisher wurde mit alldem nur ein Ziel verfolgt: die Ausbildung des Tastsinnes an sich, damit die Bünden imstande sein sollten, die feinsten Unterschiede in Temperatur, Struktur, Form und Größe zu erkennen. Zu diesem Zwecke nun gab man den Blinden auch vergrößerte Relief darstellungen ihnen bekannter Gegenstände in die Hand, wie etwa Blätter, Blumen, Obst und man verhielt sie, diese Reliefs so genau als möglich nachzubilden. Dieser Modellierunterricht war meist auf die zwei höchsten Klassen beschränkt, das heißt auf junge heute von sechzehn Jahren aufwärts. Was aber Viktor Loewenfeld, ein junger Maler und Zeichenlehrer am Chajes-Realgymnasium, seit sechs Jahren mit den jüdischen Blinden unternimmt, ist eine ganz und gar andere Sache. Für die kleinen Kinder hat er ein Mittel gefunden, um ihren rastlosen Trieb nach selbständiger Tätigkeit zu befriedigen, der bis nun ungestillt geblieben war.