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Menorah · 1931-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1931) · p. 264

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1931)
Article
Blinde modellieren
Date
1931-05-01
Page
264 (sequence 1)
Language
German
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Blinde modellieren Das jüdische Blindeninstitut in Wien, das seit seiner Gründung vor sechzig Jahren schon öfter auf dem Gebiete der Blindencrziehung durch allerlei Neuerungen segensreich und vorbildlich wirkte, führt soeben einen Versuch durch, der nicht nur für Blindenpädagogen, sondern für weite Kreise von höchstem Interesse und großer Anziehung sein sollte. Meiner Meinung nach ist jedes Bemühen, das Innenleben der Blinden zu bereichern, von ganz besonderem Wert, zumal wo es sich um jüdische Blinde handelt, die von Haus aus wenig Beziehung zur Kunst haben. Aber jeder Blinde ist ja fast ganz vom Kunstgenuß abgeschnitten die Musik schalten wir natürlich in diesem Zusammenhang aus -— bisher konnte er weder apperzepliv, noch reproduzierend oder gar schallend an ihm teilhaben. Iiier werden mir Leser, die Biindeniustitute besucht haben, einwenden, daß der Modellierunterricht schon seit langem an solchen Schulen eingeführt ist. Das ist wohl richtig, aber dieser Unterricht hat mit Kunst nicht das Geringste zu schallen. Als der Franzose Ilauy, von Diderot angeregt, die erste Erziehungsanstalt für Blinde gründete, beging er den Fehler, das Hauptgewicht auf den mündlichen Unterricht zu legen; und seine Nachfolger, besonders der berühmte Wiener Blindenlehrer Klein, setzten diese Methode fort. Sie vernachlässigten den einzigen Ersatz, den der Blinde für das Auge hat —- die Hand. Das war aber vor mehr als hundert Jahren. Verhältnismäßig bald fand man, welch schädliche Folgen dieser einseitige Unterricht hatte: zunächst erlangten die Blinden nur leeres Wortwissen, sie bedienten sich mit erstaunlicher Geläufigkeit einer Unmenge von Worten und Phrasen, die leeres Wortgeklingel waren, hinter denen keine lebendigen Vorstellungen steckten. Und zweitens entwickelte sich die Phantasie in ungehemmter, bedenklich wuchernder Weise auf Kosten des gesunden Menschenverstandes. Gleichzeitig mit der Erkenntnis dieses Fehlers kam die große Entwicklung der modernen Psychologie, die alle Möglichkeiten und Eigenheiten des Tastsinnes erforschte und zu dem Resultat kam, daß aus verschiedenen Quellen stammende Apperzeptionen, also etwa aus Gehör, Geruch, Geschmack und Tastsinn kommende, eine sogenannte Komplikation bilden, das heißt einen zusammengesetzten, aber einheitlichen Begriff, der auf gleichzeitigen Assoziationen aufgebaut ist, und der wertvoller ist als ein einfacher, nicht nur weil er stärker ist, sondern auch weil er durch eine einzige der Komponenten wieder her-

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