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Menorah · 1931-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1931) · p. Seite 235

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1931)
Article
Fahrt in die Provinz
Date
1931-05-01
Page
Seite 235 (sequence 4)
Language
German
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FAHRT IN DIE PROYINZ 235 Brich aus in lauten Klagen, Du düstres Martyrerlied, Das ich so lang getragen Im ftammeiistillen Gemüth! . . . Unendliche Wehmut zittert um dieses Grab. Der neumärkische Judenfriedhof wird zum Symbol. Zur Zeit des Großen Kurfürsten, 1679, ließen sich wieder 4 jüdische Familien, aus dem damals noch polnischen Schwerin a. Warthe, in A rn s w a1d e nieder. Damit begann nach langem Intervall die jüdische Neusiedlung in dieser alten neumärkischen Staadt. Bereits im Mittelalter waren hier Juden ansässig, wie das schon aus einer Urkunde von 1325 hervorgeht, deren lateinischer Text und deutsche Ubersetzung fein säuberlich unter Glas dem Besucher der Synagoge von der Westwand entgegen winkt. Nur langsam wuchs die neue Gemeinde. 1812, im Jahre der preußischen Judenemanzipation, lebten 88 Juden im Ort. Im Laufe des 19. Jahrhunderts, als auch die Einwohnerzahl erheblich zunahm, wies auch die jüdische Gemeinde eine sehr beträchtliche Steigerung auf. Das hielt aber nicht an, und heute machen die Juden mit etwa 100 Seelen kaum noch \% der Gesainte<inwohnerschaft aus. Die Straße, in der die fast genau 100 Jahre alte Synagoge steht, trägt den Namen „Judenstraße", einen Namen, mit dem früher ein anderer Straßenteil bezeichnet wurde. Die Synagoge ist sehr geräumig und geireu den alten Bräuchen angelegt. An die ihrer Gründling voratisliegende Zeit erinnern einige Kultusgegenstände, die jetzt — dank dem Entgegenkommen des Gemeindevorstands — ebenso wie die gut erhaltenen Gemeindeakten dem Museum der Jüdischen Gemeinde (viel zu eng genommen „Kunstsammlung" genannt) in Berlin und dem Gesamtarchiv der deutschen Juden zugeführt worden sind. Hierher gehört ein lövvengeschmückter, schellenbehangener Thoravorhang, den der Gemeindevorsteher Ruhen Moses und seine Frau anläßlich der Geburt ihres Sohnes spendeten und hierher gehört das für den Vortrag des Kantors bestimmte Synagogenbuch, der Kunlreß. Er stammt aus friderizianischer Zeit — wie das Gebet auf Friedrich den Großen beweist — ist mit entzückenden Initialen geschmückt und mit rätselhaft primitiven Miniaturen durchsetzt. Von der Synagoge ist ein ziemlich weiter Weg zum Friedhof. Nicht weit von dem der Stadt vorgelagerten See, auf einem etwa 20 m hohen Hügel, der früher Judenberg genannt wurde und jetzt den Namen Stadtberg trägt, liegt dieser Friedhof. Ungefähr an der gleichen Stelle, an der auch im Mittelalter die Arnswalder Juden ihre Toten begruben. Die etwa 1 Morgen große, mit Ahorn bestandene Gräberstätte verrät sorgsame Pflege. Die Spuren der Gräberschändungen, denen der Friedhof im Jahre 1895 ausgesetzt war, sind längst getilgt. Alle Formen und leider auch Unformen der Grabsteinkunst sind auf diesem Friedhof anzutreffen. Wuchtige Feldsteine, auffällig viel Gedenktafeln aus Holz, zum Teil mit wundervollem Schriftduktus und häufig mit Regenhauben, eiserne Grabdenkmäler und Umfriedungen und natürlich auch Grabsteine aus jener Epoche, der der Sinn für die Schlichtheit des Epithaphs entglitten war. Und trotzdem, das ist das Merkwürdige, hat gerade diese dichtgedrängte Buntheit dem Gräberfelde seinen besonderen Charakter verliehen. Auf diesem Friedhof ruhen sicherlich, daran ist nicht zu zweifeln, wenn auch kein Grabstein es mehr kündet, die Gebeine jenes Moses, auf den Ludwig Philippson, der vielgewandte, ideenreiche Schöpfer moderner jüdischer Publizistik, seine Stammreihe zurückführt. Der Sohn dieses Moses kam als Talmudjünger auf den idtiesem Stande damatls etigenen Wanderwegen nach dem Städtchen Sondersleben in Anhalt-Dessau und blieb dort. Seine Familie war untröstlich darüber, denn ihr, der östlich gerichteten, erschien damaLs das Heimalländchen Moses Mendelssohns noch als ein Rühr-mioh-nicht-an, als „treifene Medine". Nach dem Sohn dieses Heimatflüchtigen nannte sich die Familie Philippson. Der in Arnswalde zurückgebliebene

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