Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Article
- Fahrt in die Provinz
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 236 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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236 MENORAH Zweig der Verwandtschaft jenes Moses Arnswalde nahm später den Familiennamen Fliess an. Diese Familie ragte —■ noch heute ersieht man es aus den Aufschriften auf verschiedenen Kullusgegenstäniden — in der Gemeinde hervor. Auch das Kultgerät „für dien Hausgebrauch", das diesem Familienkreise entstammt, scheint der Bedeutung der Familie zu entsprechen und verrät eine für Zeit und Gegend immerhin bemerkenswerte Freude an schöner Form. Erst jüngst, im Zusammenhang mit meiner Informationsreise, als begrüßenswerte Nebenerscheinung, sind durch «die gütige Vermittlung der Witwe des bekannten Generationenforschers Dr. Wilhelm Fliess (geb. Aniswalde 1858, gestorben Berlin 1928) 2 kostbare Stücke den Berliner öffentlichen Sammlungen zugeflossen, die jene Berührung mit bewußtem Kunstwillen verraten: Ein samtgebundenes, handschriftliches Mohelbüchlein in Oktav und ein Beschneidungsmesser. Dies Mohelbüchlein ist rührend in der unbekümmerten Unbeholfenheit seiner Zeichnunigen. Und doch vermag es ums heilig empfundene Wirklichkeit anmutig näherzubringen. Dies Mohelbüchlein schrieb ein Sofer aus Wreschen im damaligen Großpolen im Jahre 1768 für Ruhen, den damaligen Gemeindevorsteher von Arnswalde. Mit seinen Eintragungen ergänzt und begleitet es die offiziellen Geburtsregister, die einem Reskripte Friedrich des Großen ihre Entstehung verdanken. Das Mohelmesser, d'as der unbeamtete „Kinderbeschneider" — wie man das damals amtlich nannte — benutzte, wurde im Jahre 1788 hergestellt. Der GrifT zeigt in unterlegter augenanstrengender Kleinarbeit die Beschneiduingsszene und trägt außerdem die dazu gehörigen Gebetsformeln. Den Griff krönt — merkwürdig genug — ein Bernsteinkopf. Die Handhaben jüdischen Brauches, seine Geräte, seine Dokumente werben heute als „Denkmäler" in Archiv und Museum für das Verständnis einer Zeit, da jüdisches Leben auch in der kleinen Siedlung noch ungebrochen war und Freude am Gesetz und seiner Befolgung nicht nun den Mäzen erfüllen konnte. Zum festen Bestand der altpreußischen Judenstatistik gehörten die „publiquen Bedienten", die Funktionäre der jüdischen Gemeinden. Je größer die Gemeinde, desto größer die Zahl dieser Funktionäre, desto größer aber auch die Verlockung zum Mißbrauch dieser Position. Der Staat achtete scharf darauf, daß ihm nicht Leute als publique Bediente präsentiert wurden, die — ohne Gemeindeämter auszuüben — unerlaubt er weise dem Handel nachgingen. Es mußte also schon eine besondere Bewandtnis damit haben, wenn im neuerwTorbenen Netzedistrikt einer Juidengemeinde ein ganzes Heer solcher Gemeindebeamten zugebilligt wurde. Man kann daraus ohne weiteres auf die Bedeutung dieser Gemeinde schließen, und andererseits kann die Aufzählung dieser Funktionäre einen Begriff vom Aufgabenkreis einer polnisch-preußischen Jud>engemeinde am Ausgang des 18. Jahrhunderts vermitteln. Wir lassen also hier die Liste der publiquen Bedienten folgen, die im Jahre 1785 den Juden von Märkisch Friedland im Netzedistrikt zugestanden wurden: Da gab es also 1 Rabbiner und 2 Assessoren (sie bildeten das rabbinische Gericht), 2 Kantoren und 1 Bassisten, 2 Schulklopper und 1 Schulbedienten, 2 Schulmeister und 1 Mäddienschulmeister, 1 Kinderb esc hnei der und 1 Frauenhader, 2 Fleischer, 2 Koller (Schächter) und 1 Schabbosbäcker, 1 Gesetzrollenschreiber und 1 Aufwärter, 2 Krankenwärter, 1 Lazarettwärter und 1 Totengräber. Die Regierung wußte, was sie tat, wenn sie „in Rücksicht des beträchtlichen Handelsverkehrs dieser Judensehaft selbige soviel als möglich zu soulagieren wohl gemeint war". Denn die Judenschaft, auf die sie solche Rücksicht verwendete, war die wohlhabendste im ganzen, eben erst (1772) von Preußen erworbenen Netzedistrikt. Sie trieb einen bedeutenden Handeisverkehr mit Tuchen, die aus dem Netzedistrikt und der Neumark stammten, exportierte nach Polen, Litauen, Rußland und dem Reich und spielte eine große Rolle auf den Messen in Frankfurt a. d. O. unid Königsberg i. Pr. Neben dem für den Netze-