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Menorah · 1931-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1931) · p. Seite 234

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1931)
Article
Fahrt in die Provinz
Date
1931-05-01
Page
Seite 234 (sequence 3)
Language
German
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234 M E N O R A 11 Der, nur der hat lange gelebt, Um dessen Tod die Guten erseufzen. Er erwählte sich der Edelsten Schmerz zum Erben, Edles Strebend und schaffend. Moses Moser Geboren zu Lippebne am 291 en Sepl. 1796, starb daselbst am 15ten August 1838. Betrauert von Den Hinterbliebenen als bester Sohn, liebevollster Bruder, Treuester Freund, im Leben und Wissen gleich tüchtig und wirksam. Selig ruhe seine Asche! Wir stutzen. Fällt diese Inschrift nicht etwas heraus aus dem Lippehner Rahmen? Klingt sie nicht zu anspruchsvoll und eigentümlich? Und wie wir uns das noch überlegen, gehen wir um den Stein herum und sehen uns die hebräische Inschrift auf der Rückseite an. Doch da, wie in blumenreicher Sprache die Vorzüge des Verstorbenen gerühmt werden, um derentwillen er „zum Vorsitzenden der Gesellschaft der Freunde in Berlin gewählt wurde" — da fällt es uns wie Schuppen von den Augen. Wir stehen vor dem Grabe von Moses Moser, dem Freunde von Heinrich Heine. Moser war Mitbegründer und Triebkraft jenes Vereins für Kultur und Wissenschaft, der eine Reform des Judentums an Haupt und Gliedern, eine endgültige Verdrängung des Judeiisohmerzes anstrebte. Heine hatte in seiner Berliner Studienzeit mit voller Hingabe sich diesem Vereine angeschlossen, und in ihm Moser schätzen gelernt. Dieser war dann fast ein Jahrzehnt hindurch der gewichtigste Freund des Dichters, recht eigentlich sein Beichtvater geworden*). *) Später scheint sich das Verhältnis getrübt zu haben. Trotz gelegentlicher Briefe auch aus den 30er Jahren. .Nach Mosers frühem Tode hätte Heine es gern gesehen, wenn er durch Varnhagen von Ense die Briefe zurück erlangt hätte, die er einBt an Moser gerichtet. Er wollte vor Indiskretionen geschützt sein. Ob er dabei vielleicht nicht zuletzt seine Äußerung zum Thema Judentum im Auge hatte. Aber Moser hatte diese Briefe bereits seinem Freunde Benary geschenkt und von diesem hat sie Eugen Laurent zurVeröff entlichung erkalten. Friedrich Hirth: Heinrich Heines Briefwechsel B II Seite 505, B I Seite 17. Die Briefe Heines an Moser, zuerst 1862 herausgegeben, sind jetzt „eine literarische Kostbarkeit ersten Ranges". Sie sind vertraute Briefe im wahren Sinne des Wortes und besitzen darum „die Überzeugungskraft unwillkürlicher Geständnisse". Gerade der Jude Heine spricht in diesen Briefen sich rückhaltlos aus. Enthusiasmus und Taufe und Enttäuschung, Werden und Versacken der Arbeit am Rabbi von Bacharach, die mannigfachen Beziehungen zu den jüdischen Kreisen Berlins, all das erscheint in diesen Briefen. Das Bild des Adressaten gewinnt mit ihnen seinen Wert. Er erscheint — wie Heine ihn 1824 halb scherzhaft nannte — als „die korrekteste Prachtausgabe eines wirklichen Menschen, der Epilog von Nathan der Weise". Und doch, Heine hatte es später in dem bekannten Aufsatz über LudKvig Marcus ausgesprochen, jenem Aufsatz, in dem der Kulturverein und seine Mannen noch einmal Revue passierten: „Das große Publikum hat von seinem Tun und Schaffen nichts erfahren; er focht und blutete incognito." Durch einen Italiener in Napoleons Diensten gleichsam entdeckt, war der schon früh mit staunenswert vielseitigem Wissen Begabte dem Kreise David Friedländers, des Schülers Moses Mendelssohns, in Berlin zugeführt worden. Dem Kulturverein und dem Schulwerk der Berliner jüdischen Gemeinde widmete er zusammen mit Leopold Zunz seinen ganzen Eifer. In der Gesellschaft der Freunde, jener für die Nachmerudelissohnsche Epoche so überaus bedeutungsvollen gesellschaftlich-kulturellen Vereinigung, entfaltete er eine rastlose, vielseitig anregende Wirksamkeit. 1838 wTurde er ihr Präsident. Kurz darauf starb er bei einem Besuch in seiner Heimatstadt und fand im heimischen Boden das Grab, das heute noch den neumärkischen Gottesacker ehrt. Während wir hinüberblicken in das fernhin verdämmernde Land, fallen uns die Verse ein, die Heine seinem Freunde auf das Widmungsexemplar des Rabbi von Bacharach schreiben wollte (Brief vom 25. X. 1824).

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