Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1931-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1931) · p. Seite 233

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1931)
Article
Fahrt in die Provinz
Date
1931-05-01
Page
Seite 233 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2912821-2912908-2912912-2926737--10248-2926890
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

FAHRT IN DIE PROVINZ 233 Hier erwuchs eine Eigenart und Formung des Lebens und jene Kraft, die dann außerhalb der Heimat sich bewährte. Hier war, mochte auch die Hülle noch so wenig ansprechend sein, das zu Hause, was wir jüdische Kultur nennen dürfen. Hier war in alter Wirtschaftsnot und aller Enge des kleinlich und gehässig machenden Daseins doch jene Verbundenheit vorhanden, die allein auch heute noch den Fortbestand unserer Gemeinschaft sichert. Die Pflicht der Dankbarkeit schon würde es rechtfertigen, daß wir nicht restlos die Spuren verwehen Lassen, die auf den Ausgangspunkt jener gemeinschaftsbiidenden Kraft hinweisen. Und dann kommt wohl noch jenes männliche Gefühl der Würde und des harten Trotzes hinzu, die in dem Zeitalter der bübischen Friedhofsschändungen es nicht dulden wollen, daß jüdische Friedhöfe in deutschen Landen — gleichviel wo und wie groß — Musterkarten der Verwüstung bieten. Museale Interessen, Momente der Pietät, Regungen zeitübersvindenden Widerstandswillens, das Gefühl innigster Verbundenheit mit vorausgegangenen Generationen — all das kam zusammen, um Bestrebungen verständlich und hoffentlich auch populär zu machen, die dahin zielen, die Kulturdenkmäler der Vergangenheit aufzusuchen und zu erhalten. Zum Träger dieser Bestrebungen haben sich schon seit geraumer Zeit jüdische Museen und Archive und ihnen nahestehende Gesellschaften gemacht. Sie fanden einen Rückhalt an den großen territorialen Organisationen der deutschen Juden. Am schwierigsten liegt die Aufgabe in Preußen. Dem sucht seine oberste jüdische Instanz, der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden, Rechnung zu tragen. Er schafft die Grundlagen der Arbeil, indem er planmäßig Informationen sammelt und an Ort und Stelle jeweils dafür sorgt, daß dem Verfall der Kulturdenkmäler — mag Stein oder Papier, Holz oder Metall oder Textilien ihr Stoff sein — Einhalt geboten werde. Feststellen, was ist und wie es ist, war daher der Zweck der Reisen, die ich im Auftrage des Verbandes unternahm. Eine traurige Bestandsaufnahme habe ich am Anfang dieser Zeilen wiedergegeben. Ich möchte nun im folgenden einige freundlichere und beziehungsreichere Bilder bringen. Sehr groß war die Juden Siedlung in L i p p e h n e, der nahe Soldin gelegenen neumärkischen Stadt nie. 1690 gab es hier eine einzige Schutzjudenfamilie. 180-1 waren es immerhin 9 ordentliche und 6 außerordentliche Schutzjuden, dazu ein Kultusbeamter. Heule wohnen dort unter 5000 Einwohnern kaum noch 40 Juden. 1791 erbaute sich die Lippehner Judenschaft ihre Synagoge. Sie liegt in der Tempelgasse, einer schmalen im Volksmund „Judengasse" genannten Straße und ist ganz in alt überlieferter Art angelegt: Stufen führen in den Betraum hinunter, der Almemor ist in der Mitte, die Frauenempore sind hoch vergittert. An der Wand ist u. a. eine 1791 geschriebene etwa 2 m hohe Tafel mit dem Königsgebet angebracht, und dann hängen dort, ganz wie in einer Kirche, Orden aus den Kriegen von 1866 u. 1870/71. 4 km östlich der Stadt liegt der Friedhof. Schon seit 1773 ist er fester Gemeindebesitz; aber auch vorher schon haben hier die Juden neben dem alten Schindanger ihre Toten begraben. Die ältesten Gräber auf dem recht gut gepflegten Friedhof, offenbar in der Mitte des Terrains zu vermuten, sind versunken. Die übrigen Grabstätten sind nach Geschlechtern getrennt. Auf der einen Seite des Friedhofs sind die Frauen, auf der andern die Männer beigesetzt. Diese Anordnung dürfte einzig in ihrer Art sein und gibt diesem Friedhof ein seltsames Gepräge. Erst 1923 wurde dieser Brauch und damit zugleich dicr Stil des Friedhofs durchbrochen. Die Grabsteine, etwa über ein Jahrhundert sich erstreckend, sind gut erhalten und tragen vielfach auf beiden Seiten Aufschriften. Am oberen Ende der Männerreihe fällt ein hoher Stein ins Auge. Wir machen Halt und lesen die mit hebräischen Lettern geschriebene deutsche Inschrift:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.