Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Article
- Fahrt in die Provinz
- Date
- 1931-05-01
- Page
- 232 (sequence 1)
- Language
- German
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FAHRT IN DIE PROVINZ Von Jacob Jacobson Frühlingssonne liegt über dem Brandeburger Land. Sie spiegelt sich in den Seen, die das Bild der Landschaft mitbestimmen, sie flimimert über den Ackerfluren und sie spielt über die Türme und Dächer der kleinen Landstadt. Rings umbuscht von märkischen Kiefern zieht schnurgerade die Landstraße aus den Toren des freundlichen Städtchens in die Weite, hinüber zur Nachbarstadt. Der Blick fliegt hinauf zu einem fast wolkenlosen Himmel, zu Eichenwipfeln am fernen Horizont und verliert sich wieder erdzugewandi im Geflecht d'er schlanken Kielerstämme. Der Winter des Miß Vergnügens ist vorüber, neue Lebensfrische zuckt empor. Frohes Ausschreiten gibt die Melodie der Stunde wieder. Da verfängt sich der Blick in einer Hecke von Fliedersträuchern, die deutlich erkennbar eine Grenze mitten im Walde markieren. Unwillkürlich stockt der Fuß. Dann biegen wir vom Wege ab, auf die FHedergrenze zu. Eine kurze Umschau und schon durchzuckt uns, auch ohne das Fehlen des Kreuzes, die Gewißheit, daß wir auf einem alten jüdischen Friedhof stehen. So unbehütet, so traurig verlassen im grünendien Frühlingswald kann, oder sagen wir besser konnte bisher, nur ein Juidenfriedhof in der preußischen Provinz liegen. Steine, abgerissen von ihren Sockeln, zerstört von frevelnder Hand, sind über den Waldbaden verstreut. Grabdenkmäler aus der 1. Periode des 19. Jahrhunderts ragen vereinzelt noch aufrecht, ganz umwuchert von schattendem, schützendem Gebüsch. Andere sind eingesunken oder nur an den knapp über dem Boden sichtbaren Rand noch zu erkennen, und nur ein Monument mit klarer Schrift, aber fast ausgewaschener Jahreszahl weist sich als Zeuge des 18. Jahrhunderts aus. Wo einst Grabhügel waren — wie lang ist es schon her? —, fromme Pietät an den Gräbern der Vorzeit verweilte, nächtigt jetzt landslreiehendes Volk und läßt unbekümmert Spuren der flüchtigen Fahrt, unbrauchbar gewordene Kleidungsstücke und leck gewordenes Hausgerät, auf der friedlos gewordenen StäUe des Friedens zurück. Sinnend stehe ich inmitten des Verfalls und der Verwahrlosung. Muß so eine jüdische Siedlung ausklingen, die nach den Stürmen des Mittelalters am Ausgang des 17. Jahrhunderts neu gepflanzt wurde, zwar nie stark war, aber doch erst in unseren Tagen ganz versiegte? Sinnend gehe ich zurück. Vor mir fährt ein Wagen, hoch bepackt mit Kiefernklobeii. Ein Scheit fällt herab. Ich rufe dem Fuhrmann nach. Der aber sieht gelassen zurück und setzt mit ruhiger Heiterkeit seinen Weg fort. Er hat ja noch so viel Holz auf seiner Fuhre. Könnte das ein Symbol für mich sein? Sind wir auch so reich, daß wir mit Gelassenheit darüber hinweggehen könnten, wenn ein Teü sich loslöst und sich selbst überlassen wird? Sind wir so reich an gesicherten Erinnerungsstätten, daß es uns gleichgültig sein kann, wenn irgendwo im Walde verkommt und entwürdigt wird, was jüdischen Menschen — und mögen es noch so einfache Existenzen gewesen sein — letzte Ruhe, ihren Nachkommen letztes Gedenken bot Die Entwicklung, die das Bild jüdischer Siedlung in Deutschland von Grund auf veränderte, ist nicht mehr zurückzuschrauben. Selbst der Kraftaufwand, der nötig wäre, heule noch diese Entwicklung anzuhalten, isl kaum aufzubringen und kaum lohnend. Aber am Anfang dieser Entwicklung wurzelte dioch das Judentum, das heute nach den großen Städten, vor allem nach der Reichshauptstadt sich gezogen hat, vorwiegend in der mittleren und kleineren Stadt, ja sogar in dörflichen Siedlungen.