Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Article
- Pogrom
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 MENORAH „Schweigen] Revolutionsbefehl!4' schrie ein bärtiger Muschik die Juden an. Er hatte hier zwei Söhne und einen fünfzehnjährigen Enkel im Bataillon. Schweigend schlichen die Juden in schwarzen Kaftans in ihre Hütten. Man muß doch irgendwie sterben. Gegen vier Uhr brach die Morgendämmerung an. Jankels Hütte war niedergebrannt. Der eingestürzte Herd rauchte noch; der Rauch biß in die Augen. Die fünf Kinder Jankels suchten auf der Brandstätte einen Katharinenrubel, den sie zu gleichen Teilen von der toten Mutter geerbt hatten. „Sie hat es nicht erlebt! Der Herr sei gepriesen!" Fünfundzwanzig Hütten und eine Brandstätte lagen auf der Ebene, über der die Sonne aufging. Abgerissene, kotbedeckte, unausgeschlafene Soldaten liefen durch die lange Gasse der Hütten und zogen im Kot Maschinengewehre nach sich. Sie sahen sich nicht einmal um. In den Fliederbüschen schlugen Nachtigallen. Dann flog hoch oben unter der Perlmutterwolke, die über dem Dorfe stand, ein Kanonen - geschoß. Es fiel im Westen im Walde nieder. Dort, wo gewöhnlich die Verwundeten starben. Von jener Seite kam keine Antwort. Noch einige Kanonenschüsse. Dann folgte eine Stille, daß die Nachtigallen sogar erschraken und verstummten. Der blutige Pessach war angebrochen, der Untergang des Dorfes mit den fünfundzwanzig Hütten und der Brandstätte, das den Spitznamen „Zidovskaja Bolotnaja", „Jüdischer Schlamm", führte. Der Rebbe Mosche ben Jakow trat vor die Hütte. „Sie sind geflohen. Andere werden kommen. Wer wird es sein? Wehe, wehe uns." Er beschattete die Augen mit der Hand und blickte in die Ebene, wo die sein mochten, welche die Flucht ergriffen hatten. Gegenüber befanden sich die Schützengräben derer, die kommen sollten. Nichts rührte sich. Kein einziges menschliches Wesen war auf dem grünen Feld und dem Morast sichtbar. Frösche quakten. Jetzt flog ein Storch auf und schwebte in raschem Fluge zum Horizont. Am Dorfplatz waren Juden in schwarzen Kaftans versammelt. Bleich waren diese Menschen und hatten wilde Augen, worin noch das Entsetzen des nächtlichen Brandes flackerte. „Pessach! Der Pessach wird ruhig sein!" flüsterte der alte Jankel, der Vater der Abbrändler. Kinder spielten in den Pfützen. Die Frauen waren in den Hütten geblieben, um die Flur nach dem Militär zu reinigen, das fortgezogen war. Die Menschen glaubten, es sei noch Freude und Freiheit auf der Welt.