Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1931)
- Article
- Kriegsaufzeichnungen eines jüdischen Offiziers
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
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KRIEGSAUFZEICHNUNGEN 179 „Ich denke", sagt er, am Bällchen kauend, „beim Barbier. Da wäre der richtige Platz." „Kann man dort was kriegen?" „Bei ihm ist alles zu kriegen. Der hat's, weiß der Teufel woher." Die verhungerten Leute wollen mir die Hände küssen, für die paar Rubel, die sie einnahmen. „Kommen Sie wieder, wir bitten Sie darum, Sie werden eine gute Tat vollbringen!" rufen sie und begleiten mich durch das Städtchen. Der Barbier und seine Frau empfangen mich sehr freundlich. Ich bin dessen sicher, daß sie mir ihre eigene Mahlzeit geben — faschierte „Kugeln" in Sauce. Sie wollen keine Bezahlung annehmen. Ich bitte sie. wenigstens für ihr kleines, herziges Töchterchen ein Geschenk anzunehmen. Indessen tritt der Schamnies ein: „Der Rabbiner läßt bitten, ob er kommen darf, um mit dem Herrn Offizier zu sprechen." „In welcher Angelegenheit", frage ich verwundert. „In einer Gemeindeangelegenheit." „Was weiß ich von Euerer Gemeinde?" erwidere ich etwas mürrisch, und Irotzdem möchte ich den Rabbiner nicht zu mir bemühen und begebe mich zu ihm. „Wir haben vernommen," sagt der alte Rabbiner, mir freundlich die Hand entgegenstreckend, ..die Juden haben es uns erzählt. Vielleicht können Sie auch etwas für unsere Gemeinde tun? . ." Ich bin erstaunt, wie rasch mein „Ruf" sich über das Städtchen verbreitet hat. Ich halte mit ihnen eine kurze Beratung ab, verspreche ihnen, an das Lubliner „Rettungskomitee" zu schreiben und zeichne als Anfang ein Paket deutsche Mark. ..Vielen Dank," sagt der Rabbiner, „aber was geschieht, wenn Sie fort sind?" „Da wird sich schon ein Rat finden lassen, Rabbi!" beruhige ich ihn. Ich lasse ein Komilee wählen und spreche mit ihnen beim dortigen Kommandanten vor, der sich gerne bereit erklärt, die Leitung der weiteren Aktion zu übernehmen. Nun fahren wir zum Purimabend. Weit außerhalb des Städtchens, in einer Holzbaracke, findet er statt. Das Podium bilden Bretter, die über Fässer gelegt sind. Schöne Kinder, glühend und fröhlich, drängen sich über die Bänke, um besser zu sehen, und fürchten nicht einmal die glitzernden Bajonette der Soldaten, die ..Ordnung halten". ..Erzvater Jaakob" schneidet längst schon absonderliche Grimassen, und ,.Jossef Hazaddik" klagt in der ..Grube" mit einer so anmutigen Altstimme, in einem so lieblichen, litauischen Jiddisch, daß einem das