Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1931)
- Article
- Kriegsaufzeichnungen eines jüdischen Offiziers
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 178 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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178 MENORAH ein Getümmel in dem kleinen Laden. Es eilen noch andere hinzu und bitten, ihnen was abzukaufen. Ich stehe bereits mit dem halben Städtchen in Geschäftsverbindung. ..Waren'' aus verschiedenen Geschäften werden zusammengetragen und ich wähle einen Eisentopf, eine Pfanne, eine Lampe, zwei Lampenzylinder und einen halben Karton Zigareltcnpapier. Ich will zahlen. ,,Soll ich achtzig Kopeken für einen Zylinder verlangen?" ilüsterten zwei Mädchen miteinander in russischer Sprache. ..Verlangen Sie nur. schämen Sie sich nicht!" rufe ich lachend und bezahle etwa 30 Rubel. Den Rest lasse ich dem halbnackten Jungen gelten, der am Eingang vor Kälte zittert. .,Gib's der Mutter, hörst du?" ruft ihm ein Jude nach. ..Haben Sie hier einen Schächter?" frage ich den Geschäftsinhaber. „Gewiß, warum denn nicht?" .,Ist das Fleisch teuer?" ,,Flejss?"*) sieht er mich verwundert an. ,,Wir haben schon mehr als ein Jahr kein .Flejss' gesehen." „Wovon leben Sie denn?" ..Die Bauern haben etwas Getreide, ein wenig Kartoffeln vergraben, die lesen wir auf ..." ..Ach, teuerer Herr Offizier", fleht mich eine dicke, vergilbte Frau an. ..Wir waren einmal in guten Verhältnissen, konnten unserer Tochter 700 Rubel als Mitgift geben; und er. der junge Mann — pures Gold! Und nun, weiß ich denn, wo er ist? Und die Tochter ist gerade eine Woche bevor die Euren vorgedrungen sind, zu ihrer Schwiegermutter gefahren und ist wahrscheinlich dort verblieben. Was weiß ich? Und nun sehen Sie uns an: sehen schön aus, w7ie? Ach. goldener Herr Offizier ..." Aus ihren nervösen Augen rinnen Tränen auf ihr breites, kränkliches Gesicht. ,,Hör' doch schon auf, Mutter, was hilft es denn", bittet sie die blasse siebzehnjährige Tochter und bricht selbst in Tränen aus, .,Ich habe Schokolade!" ruft ein Jude, der außer Atem hereingelaufen kommt. Ich erkenne eine Tatet meiner eigenen Schokolade, die er gewiß meinem Diener abgekauft hatte. ..Gut", sage ich. „Ich werde sie kaufen, aber für die Mädchen." Es herrscht doppelte Freude. „Und wo kann man hier die .Sude* feiern?" frage ich den „Kochlöffel" des Städtchens. * I Flejss Fleisch im litauisch-jüdischen Dialekt.