Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1931)
- Article
- Kriegsaufzeichnungen eines jüdischen Offiziers
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
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KRIEGSAUFZEICHNUNGEN 177 bemerke ich auf der Hauptstraße einen Viehtransport. den die Soldaten zusammen mit ihrem Treiber beschlagnahmten. „Sie wissen doch, daß es nicht erlaubt ist, Rinder auszuführen", halte ich dem Juden vor. „Gewiß weiß ich es," erwidert er, „aber mein Kommandant hat es mir doch erlaubt." ..Wo ist die Erlaubnis?" „Der Kommandant des zweiten Rayons hat sie zerrissen." Ich lelephoniere sofort zu jenem Kommandanten: „Warum wurden die Rinder beschlagnahmt? Der Jude hatte doch eine Erlaubnis." Er lacht auf im Telephon: ..Oberleutnant L. hat mit Absicht die Rinder hinüberführen lassen, damit ich sie beschlagnahmen kann. Nun werden wir uns teilen und werden für einige Wochen mit Milch und Fleisch versorgt sein." Nicht weniger Kopfzerbrechen bereiten uns die Desertionen der russischen Gefangenen: Unsere Kundschafter machen aufmerksam, daß die Russen ihre Mannschaft absichtlich in die Gefangenschaft schicken, aus der sie dann, in österreichischen und deutschen Monturen verkleidet, wieder flüchten, um leichter spionieren zu können. Wegen der Flucht eines Gefangenen sieht dem Kommandanten eine strenge Strafe bevor. Und darum haben die Kommandanten, wenn desertierte Gefangene erwischt werden, große Angst einzugestehen, daß sie zu ihnen gehören; und die Deserteure werden wochenlang hin und her dirigiert, bis sie wieder einer Abteilung zugeteilt werden. „Lassen Sie mir einen Passierschein nach M. geben", bittet mich die liebliche H. mit den blauen, unschuldvollen Augen. „Was wollen Sie denn in M. beginnen?" „Heute ist Purim, und die jungen Leute führen dort das Volksstück auf ,Wie Josef nach Ägypten verkauft wurde'." „So!" rief ich freudig aus. „Kommen Sie, ich fahre mit!" Einen Augenblick später sind wir bereits unterwegs. Von dem ganzen Städtchen ist nur noch die neue schöne Kirche unversehrt geblieben. Alles ringsum ist eingeäschert. Der Ringplatz trägt noch Spuren von zahlreichen Geschäften, die jetzt leer und mit beschmutzten Wänden dastehen. Vor jeder Hütte ein Dutzend Frauen, Männer und junge Leute; wahrscheinlich Kompagnons. Sie wärmen sich auch gemeinsam an dem Feuertopf. „Was haben Sie zu verkaufen?" frage ich. indem ich in ein solches Geschäft trete. „Was Sie nur wünschen!" entgegnet man mir, und es entsteht