Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1931-03-01 · Heft 3-4 (März 1931) · p. Seite 176

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 3-4 (März 1931)
Article
Kriegsaufzeichnungen eines jüdischen Offiziers
Date
1931-03-01
Page
Seite 176 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2912821-2912908-2912911-2926515--10139-2926670
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

176 MENORAH hier in der Gegend finde, als einzige in dem sehr großen, verlassenen Landstrich. Ich freunde mich ihnen an, schicke den Jungen Salz, Zucker, Kaü'ee, Petroleum, den Alten Tabak, den Kranken Fleisch, die ich später auch zum Arzt bringe. Und sie hinwiederum bringen mir zuweilen fremde Kartoffeln. Sie sind, wie ich glaube, mit mir zufrieden, und dennoch — man hat ihnen gesagt, daß ich Jude bin . . . Ich bereise gerade die ganze Gegend, um eine Skizze für den Schneeschutz zu machen. Wir erwarten große Schneestürme und wollen Schutzwälle an den gefährlichen Punkten aufführen, um die Eisenbahnlinie vor Verwehungen zu schützen. Ich statte daher meinen gezählten Untertanen*; einen Besuch ab. „Wie geht es dem Großmütterchen?*; trage ich das kleine Enkelchen?" „Schlecht, Herr/4 „Habt Ihr wenig zu essen?'' „Zu essen haben wir genug", sagt die Kleine mit altklugem Seufzer, ,,aber daß Gott sich endlich erbarm', damit wir den jüdischen Zaren loswerden." „Was für jüdischen Zaren?" frage ich ahnungslos. „ ,Ihr; Zar ist ja ein Jud\ meine Mutter und meine Großmutter, und alle sagen das. .Sie4 sind alle Juden. Auch unser Kommandant ist ein JudV Das Kind hat mich nicht erkannt und sprach nur das aus. was sie über uns denken. Unter litauischen Juden Die Teuerung im Hinterlande steigt; der Befehl lautet nun. jedes Bataillon müsse sich mit jenen Produkten verpflegen, die es selbst in der Umgebung zusammenkaufen könne. Aber der Stellungskampf hält bereits drei Monate an, da kann auch die reichste Gegend verhungern. Darum wacht jede Abteilung über die Grenzen ihres Rayons, damit keine Lebensmittel ausgeführt werden. Den Wachen ist es strenge verboten, Waren durchzulassen, und die Soldaten werden zu Denunzianten erzogen. Als Beispiele werden Zirkulare verschickt, die den Soldaten verlautbart werden müssen: „Infanterist B. wird belobt, weil er als Wachthabender bei einem Juden drei Kühe und die 25 Rubel beschlagnahmt hat, mit denen er ihn bestechen wollte. B. erhält als Belohnung 5 Kronen. Alle Soldaten müssen seinem Beispiele folgen." Die Juden haben Kenntnis davon und wagen es nicht mehr, Rinder ohne die Erlaubnis ihres Kommandanten auszuführen. Und trotzdem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.