Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1931)
- Article
- Kriegsaufzeichnungen eines jüdischen Offiziers
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
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172 MENORAH „Wir fahren mit deutscher Pünktlichkeit!'' reibt uns der Kommandant unter die Nase. Unsere Offiziere sind immer bei ihrer Mannschaft!" Und trotzdem stellt er uns eine Lokomotive mit einem Tender zur Vertilgung, und wir eilen unserem Zuge nach. Wir erreichen unseren Transport schon auf dem Wege ins Dorf. Mein Diener führt mich in mein neues Quartier. Es ist eine geräumige Holzhülle, aber voll von Löchern, ohne Tür- und Fensterslöcke, der breite Herd ist geheizt, aber die Külte ist unüberwindlich. Auf dem morschen Bett liegt frisches Heu, und darüber ist, wie mir scheint, ein blutiges Zeltleinen gebreitet. Zwei Bretter als Tisch, ein Brett als Stuhl. In den Wanden stecken zahlreiche Nägel. Es scheinen hier also Menschen gewohnt zu haben . . . Sie sind alle mit den Russen fort. Als Überbleibsel ehemaligen Hausrats linde ich einen großen Glasleuchter, einen etwas ungeschickten Kleiderhänger und einen sehr zarten Fenslervorhang. Zu diesem ,,Salon" paßt auch gerade das Schrapnell, das ich unter meinem Bette linde. Mein Diener erschrickt: ,,llat das vielleicht wer von der Bevölkerung hiehergelegt\)U Ich beruhige ihn und lasse ihn in meiner Behausung schlafen. Wir frieren die ganze Nacht. Am zweiten Tag ist mein Diener schon klüger: er füllt den Ofen und heizt ihn Tag und Nacht, bis wir in ein anderes Quartier übersiedeln. Einen kleinen Wald hatte er dabei verbraucht. Auf den weiten Schneefeidern In dem Dorfe O. leben lauter Juden, die aus Bresf-LiLowsk vertrieben wurden. Die Bauern sind mit den Russen fortgezogen und haben, wie berichtet wird, viel Getreide und Kartoffeln auf den Feldern vergraben. Die Juden treiben Kleinhandel, können aber keine Ware bekommen. Auf der deutschen Seite befinden sich große Kaufleute mit reichen Warenlagern, aber die Deutschen lassen die Waren nicht über die „Grenze", die zwischen dem von den Deutschen und dem von den Österreichern besetzten Territorium geschaffen wurde. „Glauben Sie, daß vielleicht meine Tochter etwas von der deutschen Seite herüberbringen könnte?" fragt mich der graue Jude um Rat, den ich zum Kommandanten führe, damit er ihm eine Bestätigung über das gelieferte Holz ausfolge. Vor dem Kriege war er ein Waklfaktor, nunmehr hat ihn unsere Kommandantur zum Verwalter des gefällten Holzmaterials ernannt, und er erhält Bestätigungen über jede Fuhre Holz. Außerdem hat seine anmutige Tochter die Erlaubnis erhalten, eine Kantine für die Soldaten zu eröffnen. ..Mädchen, können alles erwirken,"* sage ich zu dem Juden, .,ver-