Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1931)
- Article
- Kriegsaufzeichnungen eines jüdischen Offiziers
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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170 ME N O RAH ben" verständigen kann, während er selbst keine Kopeke einnimmt. Kämen die Massengräber mit den russischen und jüdisch-russischen Aufschriften, die sich wie ein Trauernebel dahinziehen, nicht allerorten zum Vorschein, der Weg wäre sehr interessant. Die russischen Gefangenen, bewaffnet mit dem Löffel im Stiefelschaft und dem Kochkessel an der Hüfte, lassen die Äxte und Schaufeln im Sand oder auf den Kohlen liegen, laufen unserem Zuge nach und betteln um Brot. Unsere Soldaten haben Mitleid mit ihnen und schenken ihnen den letzten Bissen weg; und unter den Gefangenen entsteht oft um jeden Bissen ein Ringen bis aufs Blut! Je weiter wir kommen, desto schwerer ist die Not, desto furchtbarer die Zerstörung. Da ist Krasnik mit den weiten, flachen Sandfeldern, wo General Dankl in den berühmten Schlachten des Jahres 1914 einen großen Sieg errang. Blutdurchtränkt ist der Sand, und die Walder sind ein einziger großer Friedhof. Jüdische Frauen und Mädchen eilen dem Zug nach und halten zu sammengeklaubte Zigaretten entgegen: „Kauft! Kauft, ihr lieben Leute . . ." Man merkt es ihnen an, daß der Hunger sie verzehrt. In Lublin ist Zeit, ein Kaffeehaus aufzusuchen. Der polnische Kellner findet es angemessen, die russischen Offiziere zu verspotten. Seine Liebedienerei ekelt mich an und ich fahre zum Bahnhof zurück. Dort drängen sich Juden zur Paßkontrolle, und ein österreichischer Soldat hält nach kosakischem Muster ,,die Ordnung aufrecht". Ein kleingewachsener, vornehm aussehender Jude mit langem, weißem Bart steht etwas abseits. Es dauert nicht lange, bis er zu mir Vertrauen gewinnt, und ich erfahre, er sei der Rabbiner von B. und hiehergekommen, um für seine Gemeinde Hilfe zu erbitten: „Es wird erzählt, daß Wien etwas Geld geschickt habe. Man stirbt bei uns buchstäblich vor Hunger! Der Handel mit Schnaps ist verboten, das Getreide haben die Behörden requiriert — was bleibt da noch übrig? " „Und die Handwerker?" „Auch sie sterben Hungers; und die Kaufleute verdienen nichts — wer hat da noch Lust, sich etwas anzuschaffen?" „War es früher besser?" frage ich vorsichtig. „Wie soll man nur sagen", blinzelt der Rabbiner und flüstert mir ins Ohr: „Wir beten täglich: Erneuere unsere Tage wie ehedem. . „Was ist die Ursache?" ..Ich werde es dir erklären", beginnt er mich zu duzen. ..Ich begreife, das ist nicht die eigentliche Lage, aber die Polen sind große An-