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Menorah · 1931-03-01 · Heft 3-4 (März 1931) · p. Seite 145

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Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 3-4 (März 1931)
Article
Jüdische Vokal- und Instrumentalmusik des Altertums
Date
1931-03-01
Page
Seite 145 (sequence 2)
Language
German
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JÜDISCHE VOKAL- UND INSTRUMENTALMUSIK 145 lieh der mittelalterlichen Neurnenschrift), nach der nun die Bibel und die zugehörige Literatur gesungen wird. Damit erhält allmählich der Vortrag der Heiligen Schrift eine kan tillierende Form, die sinngemäße und ausdrucksvolle Auslegung des Textes anstrebt. Die ästhetischen Formen dieser an und für sich primitiven Kunst sind nichts weiter als die verfeinerten und abgeklärten der Sprache in der Rhetorik7), und von intensiver Nachwirkung auf die spätesten Formen und Stilbildungen der Synagogenmusik gewesen8). In den Kantillationen wird die Form durch das Wort bestimmt, das der Deklamation zugrunde liegt. Der jeweilige Stimmungsgehalt aber ergibt sich aus dem Charakter des Vortrags. Man unterscheidet die Kantillationen für die Thora- und Haphtaravorlesung. Davon sind die Vortragsweisen der Klagelieder Jeremias und die des Buches Esther abweichend. Fernerhin wird an besonderen Tagen bei der Thoravorlesung eine weitere Variierung intoniert. So sind die Accente keine fest stehenden Gesangsnormen, sondern veränderungsfähige Weisen, deren Vortrag in verschiedenen Gemeinden geschwankt hat. Gegen Ende der talmudischen Epoche9) wird die Forderung nach wohlklingender Vor tragsweise der Gebete immer bestimmter10). Der Gesang emanzipiert sich nach und nach zu einem selbständigen Faktor, der nun mit dem Gottesdienst auf das engste verknüpft ist11). Der Piut12) erobert sich schließlich die ganze Tefillah. Jede Stelle im Gebet und jede Zeremonie, welche die Möglichkeit zu poetischen Einschaltungen bietet, wird von den Piutdichtern umgestaltet. All diese Neudichtungen erhalten (vielleicht nach dem Muster orientalischer Liturgien) von den Piutdichtern ihre musikalischen Weisen, die entweder selbst erfunden oder von anderswo bezogen und vielfach auch von ihnen vorgetragen wurden. Die Weisen der Piutim entstammen den verschiedensten Quellen, es linden sich Entlehnungen aus Volksliedern, Minneliedern und aus den Kirchengesängen des Mittelalters13). Verschiedene energische Abwehrbewegungen gegen das Eindringen der fremden Elemente konnten nichts wesentliches ausrichten, sie führten jedoch zur Festlegung des Melodienschatzes für den Vorbeter14). Der deutsche Ritus unterscheidet sich dabei wesentlich vom polnischen15), der an Sangesfreudigkeit den deutschen weitaus über trifft und der Stegreifkomposition der Vorbeter weitesten Spielraum läßt. Die Pflege mehrstimmiger Musik — einige Sänger unterstützen den Vorbeter an hohen Feiertagen —16) ist in Italien zur Zeit des Salomone de Rossi (1620) an einzelnen Stellen nachweisbar17). Auch in Polen hat der Brauch, Chorknaben (Meschorerim) zu verwenden,

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