Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1931)
- Article
- Jüdische Vokal- und Instrumentalmusik des Altertums
- Date
- 1931-03-01
- Page
- 144 (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE VOKAL- UND INSTRUMENTALMUSIK DES ALTERTUMS Von Anselm Bing I. Die Vokalmusik Die Quellen unserer synagogalen Rezitative und Melodien sind im Laufe der Jahrhunderte verschüttet worden und heute schwer oder gar nicht mehr aufzufinden. Wir müssen uns also auf das beschränken, was durch die Tradition erhalten wurde. Daß sich unter den uns bekannten synagogalen Melodien noch Reste des alten Levitengesanges befinden, möchte man zwar wünschen, es sprechen jedoch keinerlei Gründe dafür; diese Annahme muß sogar bei der auf keinerlei schriftliche Fixierung gestützten Überlieferung als sehr unwahrscheinlich bezeichnet werden. Nur in den pentatonisehen Weisen, die die Bibelvorlesungen begleiten, in einigen Psalmengesängen läßt sich das Vorhandensein alter traditioneller Gesänge, welche die Jahrhunderte überdauerten, vermuten. Für die Wahrscheinlichkeit dieser Annahme spricht die Tatsache, daß in den verschiedensten Gemeinden der WTelt, die gar keine Verbindung miteinander hatten, bei einigen Gebetsvorträgen gleiche Weisen gesungen wurden. Obgleich die Zerstörung des jüdischen Staates dem Volk die Freude am Gesang genommen haben soll1), liegt die Vermutung nahe, daß man in den Synagogen die Gebete niemals ohne Gesang vorgetragen hat2). Der melodische Charakter dieser Intonierungen ist eine Art Sprechgesang, der die Gebete mit Heben und Senken der Stimme sinn- und stimmungsgemäß begleitet. Wenn der Vorbeter, innerlich bewegt und in gehobener Stimmung skandiert, so ist sein Vortrag ernsten feierlichen Charakters; klagt und jammert er, so ist seine Vortragsweise von einer gedrückten Stimmung erfüllt3). Es ist wahrscheinlich, daß schon zu dieser Zeit auf eine angenehme Stimme Wert gelegt worden ist und eine wohlabgetönte und verständige Vortragsweise erwünscht war. Späterhin wird die Forderung einer ständig sinn- und stimmungsvollen Interpretation der Gebete als selbstverständliche Voraussetzung eines geregelten Gottesdienstes für nötig erachtet4). In diesem Zeitabschnitt zeigen sich die ersten Ansätze zu einer gewissen Melodik, aber die Forderung nach einem ständigen melodischen Vortrag tritt erst im Verein mit dem Lesen der religiösen Literatur auf5). Es wird die schriftliche Fixierung6) von Motiven und Intervallen eingeführt (ähn-