Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1931)
- Article
- Die Kinder kommen heim ...
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 136 (sequence 2)
- Language
- German
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136 MENOIUH Vielleicht wollte sie nicht mehr mit ihm zusammenkommen? Und sie schien doch damals solches Interesse an ihm zu nehmen, schien sich auf eine Zusammenkunft zu freuen! — Warum plötzlich diese Vernachlässigung? Ja, hatte sie ihm nicht selbst gesagt, daß sie ihre Bekannten zu vernachlässigen pflegte? Aber war er nicht mehr als ein beliebiger Bekannter? Ganz gewiß! Sie hatten sich doch so gut verstanden — und was sie ihm alles erzählt hatte — Dinge, die sie bestimmt keinem andern sagte. Er seufzte noch einmal auf, dann ging er mit kurzen, schweren Schritten durch das schmale Vorhaus und kam dabei mit dem nassen Regenmantel an der Wand an. Als er sich bemühte, sie zu vermeiden, rieb er sich an der gegenüberliegenden. Ja, dachte Perez, wir sind alle gewachsen, aber das Haus ist gleich geblieben. Als er die düstere, unordentliche Küche betrat, schlug ihm der Wäschedampf entgegen und verursachte ihm Üblichkeiten; daß das Herdfeuer nicht brannte, stimmte ihn noch trüber; und als er die Mutter daneben in der Waschküche sah, wie sie sich über dem Trog plagte, zog er vor Mitleid schmerzlich die Mundwinkel herab. Im selben Augenblick entrang sich ihr ein herzzerreißendes ,,Oi weh", von dem Perez sehr wohl wußte, daß es für seine Ohren bestimmt war, dann sah sie ihn scheinbar überrascht an. Sofort erstarb etwas in Perez. Die kleine Komödie hatte Mitleid und Schmerz getötet, und während er den nassen Gummimantel ablegte, trug er wieder die gewöhnliche kalte Gleichgültigkeit zur Schau, die er ursprünglich nur als zeitweisen Selbstschutz benützt hatte, die aber schließlich durch häufigen Gebrauch zur zweiten Natur geworden war. Frau Israel kam in die Küche und trocknete die Hände an der Schürze ab. ,,Hab' ich keinen Brief?" murmelte Perez. Er wollte sich von seiner Spannung nichts merken lassen und warf mit gutgespieltem Gleichmut Mantel und Mütze auf den alten Lederkoffer, den die Mutter vor mehr als dreißig Jahren aus ihrem lithauischen Dorf gebracht hatte. Er war mit neuen Daunen gefüllt gewesen, die ihre Mitgift darstellten. Jetzt roch er ein klein wenig muffig. ,,Welchen Brief — Was für Brief?" fragte die Mutter ungeduldig auf Jüdisch; sie ärgerte sich, weil er ihr Stöhnen nicht beachtete. Frau Israel war offenbar nicht imstande, auf eine grade Frage eine grade Antwort zu geben. Früher hatten ihre aufreizenden Antworten, meist in fragender Form, Perez furchtbar gekränkt, wenn er es auch nicht zeigen wollte. Heute waren sie ihm ziemlich gleichgültig.