Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Article
- Die Rache des Renegaten
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE RAGHE DES RENEGATEN 87 den, oder richtiger, in den letzten Nachtstunden, in einer alten Synagoge zum Gebet versammelten. Diese Synagoge befand sich hinter dem Marktplatz, in einem versteckten, schmutzigen Seitengäßchen, von dessen Existenz nicht einmal alle Ureinwohner des Städtchens eine Ahnung hatten. So beschloß der Unteroffizier an einem Samstage das Gäßchen zu umzingeln und, zur Erhöhung des Genusses, abzuwarten, daß die nichts ahnenden Juden aus dem Bethaus her vor strömten, sie dann in die Falle zu treiben und im Triumph, um ein Exempel zu statuieren, durch die ganze Schloßstraße zur Arbeit zu jagen. Der Umstand, daß die Sache an einem Samstag vor sich gehen sollte, bereitete dem Unteroffizier ein besonderes Vergnügen, dessen er sich allzu unverhohlen im voraus freute. Ich sage allzu" unverhohlen, weil eben die übermäßige, unbändige Offenheit des Unteroffiziers seinen schlauen und giftigen Plan zerstörte. Die Juden erfuhren von dem bevorstehenden Überfall. Freitag, am 16. Dezember 1919 — das in der „Überlieferung" der Stadtbewohner erhaltene Datum dürfte meines Erachtens nicht ganz stimmen —, ließ der Rabbiner durch alle alten Weiber, die den Tag erlebten, und durch alle jungen Mädchen, die bis zu diesem Tag genügend und doch auch nicht genügend erwachsen waren, feierlichst verkünden, das Gebet könne, ja, solle angesichts der drohenden Gefahr, zu Hause verrichtet wTerden. Der Gehorsam seiner Schafe war diesmal ganz unglaublich. Am 17. Dezember 1919, um die fünfte Stunde des winterlichen Morgens, als die Kosaken, mit dem eifrigen Unteroffizier an der Spitze, das erwähnte Gäßchen, um unbemerkt zu bleiben, in weitem Bogen umzingelten, war die Synagoge leer. Allerdings nicht ganz leer. Auf die eindringliche Bitte des alten Spaßvogels Leib, der die Folgen natürlich nicht voraussehen konnte, blieb der berüchtigte Jusik, der aus angeborenem Stumpfsinn die Situation nicht recht erfaßt hatte, allein im Bethaus, spazierte durch den leeren Raum, klopfte laut mit dem Stock, sprach mit sich selber und ahmte das Gemurmel, den Lärm und den Singsang der betenden Juden nach. (Ukraine hat wirklich allen Grund, diesen Verräter in alle Ewigkeit zu verachten.) Die Soldaten warteten in der Winterkälte eine halbe Stunde, eine Stunde, zwei Stunden und, vor Kälte erstarrend, beschimpften und beschuldigten sie an allem alle Juden aller Welt und aller Zeiten, der