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Menorah · 1931-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1931) · p. Seite 85

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1931)
Article
Die Rache des Renegaten
Date
1931-01-01
Page
Seite 85 (sequence 3)
Language
German
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DIE RACHE DES RENEGATEN 85 meiner Erzählung berufen könnte. Er ging zugrunde, ohne daß es mir gelungen wäre, auch nur seinen richtigen Namen festzustellen. Ich weiß nur, daß er Andrjucha mit der Narbe genannt wurde und daß er es war, der den Überfall in jener Nacht geleitet hatte, seinerseits geführt von dem nur ihm vertrauenden, rachsüchtigen Jusik. Sinnlos und gewissermaßen ganz umsonst ist dieser namenlose Held zugrunde gegangen. Vielleicht hatte er in jener Nacht den Gipfelpunkt seines Lebens erreicht? Wer weiß es? Und wozu das Raten? Zeichnen wir zum Andenken an Andrjucha mit der Narbe nur das auf, was sicher feststeht. Von dem glanzvollen Überfall in jener berüchtigten Nacht zurückkehrend, ließ sich Andrjucha mit seiner Horde erschöpft und mit Beute überladen, in einer Waldschlucht bei Lyssaja Gorka zur Rast nieder. Aber sie fanden keinen Schlaf. Die Aufregung des Erlebnisses, die ungeheure, aufwühlende Freude, das Glücksgefühl des Erfolges und das Glucksen des Schnapses und Weines in den erbeuteten Kisten störten alle Ruhe. Nicht lange hielt die Waldesstille an. Bald ging ein solches Jubeln, ein solches Tanzen, Klirren, Lachen, trunkenes Pfeifen und Brüllen los, daß sich selbst die Vögel in der Zeit irrten und rasend zwitscherten wie im Morgengrauen. Die ganze übrige Nacht bis zum Sonnenaufgang tloß der entfesselte Strom der Lust. Es wurde geschimpft, gesungen, gesoffen, gehüpft, gefeuert, gerauft, in Scherz und in Ernst. Und am Morgen wurde Andrjucha mit der Narbe als erkaltender Leichnam, mit einer kaum verschurften Wunde in der Brust gefunden. Ein dummer Streich? Neid? Eigene Unvorsichtigkeit in der Hitze trunkener Begeisterung und unerträglichen Glücks? Wer weiß es? Und wenn, wer sagt es? Und wo sie auch jetzt suchen, diese Hotten Helden einer historischen Nacht und eines klassischen Kosakengelages? Dahin ist das ganze bunte Trio meiner Zeugen. Aber das, was ich hier erzähle, ist auch ohne ihre Beglaubigung bis aufs letzte Wort richtig. Denn ich erzähle bloß das, was ich von einem von ihnen, von Leib, dem Bethausdiener, vernommen habe. Solange die Soldaten die Leute zu wirklicher Hinterlandsarbeit einfingen, war dies erstens immerhin besser als Pogrome, zweitens konnte man sich durch Geld oder Ersatzmänner loskaufen. Sei es nun, daß mit dem Herannahen der Front das Geld ebenso wie das Leben billiger geworden und jede Anspielung auf Ordnung geschwunden war, sei es, daß die Wut der Soldaten anwuchs, sei es, daß sie Geschmack in der Sache gefunden hatten, was immer der Grund sein möge:

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