Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Article
- Die Rache des Renegaten
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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84 MENORAH Ich muß nun meinerseits um bedingungsloses Vertrauen bitten, weil das, was ich hier erzählen will, wie eine unglaubliche Anspielung auf höhere Gerechtigkeit anmutet, weil es nicht üblich ist, historische Ereignisse durch „Kleopatras Nase", durch unbedeutende Zufälligkeiten zu erklären, und endlich, weil die drei Personen, die, Hand aufs Herz, meine Worte bestätigen könnten, längst gestorben sind. Der Bethausdiener Leib, der mir diese Geschichte als großes Geheimnis mitgeteilt hatte, liegt auf dem alten Friedhof, in dem kleinen podolischen Nest Medschibosch. Leib blinzelt nicht mehr mit seinem tränenüüssigen, in der Eile von den Kosaken verschont gebliebenen Auge — wer weiß, vielleicht ist das Auge zurückgelassen worden, um das verlorengegangene zu beweinen? — er schimpft nicht mehr, der alte Hanswurst Leib, unter Husten, Prusten, Schneuzen, appetitlichem Niesen, Räuspern und Kreischen, er ächzt nicht mehr wie ein altes, ausgetrocknetes Siechenhaus, er atmet nicht mehr verschimmelte Trauer der Babelgewässer, und auch sein Schweigen jetzt ist nicht mehr das frühere Neugier weckende, kokette Necken, es verspricht nicht in eine vertraute Legende überzugehen. Tot ist auch Jusik, dessen tragikomisches Erlebnis die Ereignisse jener Nacht unmittelbar veranlaßt hat, einer Nacht, zwiefach schmachvoll, denn er selbst, ein Sohn Ukrainas, war's, der sein Vaterland ehrlos verraten hat. Die Objektivität der Erzählung erfordert die Feststellung, daß Jusik schon lange vorher jeden phj'sischen und um so mehr jeden geistigen Zusammenhang mit seinem Stamme verloren hatte. Jusik, der Hirtenjunge, der die Milch der jüdischen Ziegen stahl und sie den Knechten, die auf dem benachbarten Feld arbeiteten, verkaufte, Jusik. der Dieb, Säufer und Zuhälter, Jusik, der Sonnabend-Goj, der Samstags die Öfen heizte, der Freitags um eine Semmelkruste die Kerzen auslöschte, der Schilf für die jüdischen Laubhütten mähte, und alljährlich die abgewetzten Bethausbänke abstaubte, der alte, hinkende Jusik, der das Gespräch mit gleichfalls alten, hinkenden Bibelwörtchen spickte, Jusik, der auch seinen klangvollen Namen in den alten Tagen mit dem schäbigen Joska vertauschte, dieser Jusik hatte mit der großen ukrainischen Nation nichts gemein und konnte es auch nicht haben. Bei all meiner Liebe zu den Menschen kann ich den Tod Jusik- Joskas, des zweiten Zeugen für die Wahrhaftigkeit meiner Erzählung, nicht beweinen. Zugrunde ging aber auch der dritte Mann, auf den ich mich in