Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Article
- Die Rache des Renegaten
- Date
- 1931-01-01
- Page
- 83 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE RACHE DES RENEGATEN Von N. Brind Ich habe allen Grund anzunehmen, daß der künftige Geschichtsschreiber Kleinrußlands, der die Schilderung des letzten heroischen Kampfes seines Vaterlandes zu seiner Lebensaufgabe erwählt, nicht imstande sein wird, jene Episode zu erklären und historisch zu beleuchten, die in den Kriegs jähren 1918 bis 1920 zwar keine entscheidende, aber immerhin eine ziemlich schwerwiegende und vor allem eine moralische Bedeutung hatte. In den ersten Monaten des Jahres 1920 befand sich der beinahe von der ganzen zisdnepranischen Ukraine zurückgezogene Train im Zustande vollster Desorganisation in der Stadt P., von wo er, infolge der katastrophal herannahenden Front, schleunigst gerettet werden mußte. Auf diesen Train und seine Schutztruppen wurde nun in einer der unruhigen Nächte jener Zeit plötzlich ein überraschender, verblüffender, in der Geschichte der Kriegskunst und in der Theorie des Guerillakrieges einzig dastehender Partisanenüberfall verübt. Ein kleiner Trupp sowjetistischer Kavalleristen erschien mit Stutzen, Säbeln und Handgranaten bewaffnet, auf ungesattelten Pferden, völlig unerwartet in den nächtlichen Straßen der Stadt, durchflog im Laufe von einer halben oder einer Stunde unter entsetzlichem, tierischem Geheul, unter Pfeifen und Brüllen, in sinnverwirrendem, teuflischem Galopp, alle Hauptstraßen und Nebengassen, alle Vororte und Vorstädte, mordete und schlachtete nach rechts und nach links, schoß, zertrümmerte, sprengte und vernichtete, was ihm unter die Hände kam. Die ungeheure Panik, die sich damals des ganzen Trains, aller Wachen, Patrouillen, Reserve-Infanterieabteilungen, der Verbindungsmannschaft, der verschlafenen Eskadron, ja sogar des zugeteilten Artilleriekommandos bemächtigt hatte, die furchtbaren Schreckensszenen, die sich in jener Nacht abspielten, die vollständige Kopflosigkeit und die unaufhaltsame Flucht, der höllische Wirrwarr und Wirbel, die entsetzliche Erinnerung an die in der Glut des flammenden Himmels dahinstürmenden, überall gegenwärtigen, wütenden und tollkühnen Reiter, an das Zetergeschrei, an das Knattern und Krachen, an das Brüllen und Tosen, alles das macht es, gerade wegen des Grauens des verbliebenen Eindruckes, unmöglich, von den Einwohnern der Stadt P. etwas Verläßliches über diesen ungewöhnlichen Überfall zu vernehmen.