Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1931-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1931) · p. Seite 75

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1931)
Article
Juden sollen Bauern werden!
Date
1931-01-01
Page
Seite 75 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2912821-2912908-2912910-2926235--09908-2926413
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JUDEN SOLLEN BAUERN WERDEN! 75 Mit allen Ausgestoßenen wurde dieses Schauspiel aulgeführt, und alle gaben diese Erklärung ab, weil sie Geld erhielten. Nun erschien Lapin selbst. Viele zogen untertänigst die Hüte, andere umschmeichelten ihn wie die Hunde. Er warf manchen ein paar Worte zu und sandte befehlende Blicke nach allen Seiten. Als er mich erblickte, winkte er mich an sich heran: „Kommen Sie!" sagte er, führte mich in seine Privatwohnung, stellte mich seiner Frau vor und begab sich dann zu den Leuten hinaus. Madame Lapin, eine edle, hochherzige Frau, war sehr gebildet und hatte ihr Doktorexamen an der Wiener Universität gemacht. Sie fragte mich wegen der Bibliothek aus, die ich zu gründen beabsichtigte, und bot mir ihre Hilfe an. Nachdem wir alles besprochen hatten, legten wir eine Liste der intelligenten Kolonisten an, aus welcher wir die zu wählende Bibliothekskommission zusammenstellten. Sie selbst spendete 200 Pesos für Bibliothekszwecke und setzte es bei ihrem .Manne durch, der Bibliothek einen Raum zur Verfügung zu stellen. In der damaligen Finsternis war Madame Lapin unser guter Stern; sie heilte die kranken Frauen, half den Bedrückten und tröstete die aus der Kolonie Ausgestoßenen. Nicht selten hatte sie sich dabei Unannehmlichkeiten zugezogen, doch sie nahm alles mit unerschütterlicher Ruhe auf sich. Ii ach Lapins ,, Reinigung" hatte die Kolonie ihr Schicksal selbst in die Hände genommen. Die Kolonisten begannen sich zu sortieren, jeder suchte seinesgleichen. . . . Man tauschte gegenseitig den Boden, die Gruppen und die Nachbarn. Und jeder war gerne dabei. Ich selbst tauschte meinen Boden in der damaligen Gruppe 43, im Distrikt Algorobo-Chika, gegen einen anderen in der Gruppe 55 in Alice aus, die gerade im Zentrum dieses Abschnittes lag. Neue Menschen, neue Sitten. Ich geriet in eine frische, neue Atmosphäre. Algorobo und Alice waren zwei besondere Landstriche und sahen aus. als wären sie von zwrei verschiedenartigen Stämmen bewohnt. „Jehuda und Israel" wurden sie von unseren Talmudisten B. Rabinowitsch und L. Nissensohn benannt. In Algorobo hatte sich nie ein eigener Wille kundgelan, von Selbstachtung war dort wenig zu merken. Die Herren der Ica führten dort ihr despotisches Regime. Selbst jetzt, nach einem Viertel Jahrhundert, merkt man in jenem Teil der Kolonie den alten Ghetto- XL V/Z. Algorolo und Alice

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.