Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Article
- Das Recht auf Leben
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 3)
- Language
- German
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56 ME N O RAH Da bläht Jascha die Nüstern und spricht: „Jungens, morgen gibt's Ghamsin (Sirocco)." Das machte keinen sonderlichen Eindruck auf uns, denn man ging zur Arbeit auch bei 60° Celsius im Schatten. Aber als Jascha, an Karmeli gewandt, hinzufügte: „Mensch, versteck' dich morgen! Gehe nicht zur Arbeit und laß dich lieber von der wohltuenden Schürze deines frischgebackenen Eheweibes anfächeln, sonst bekommt deine Muse einen Moskitostich auf ihre göttliche Nase.. ." Da platzten wir alle in ein befreiendes Lachen. Nur Ami, die erst zwei Wochen mit Karmeli verheiratet war, errötete zart und war verleigen. Ja, man lachte an diesem Abend über Karmeli, denn man konnte nicht ahnen. Wie sollten wir es auch ahnen können? Und wirklich hatte sich der Spürsinn der Nase Jaschas wieder einmal bestätigt: der nächste Morgen war ein Chamsintag. Das Licht war grüngelb und schimmernd, stechende Glutwellen peitschten das Gesicht. Die Hände erstarrten und ihre Bewegungen waren kaum spürbar. Nase, Kehle und Zunge ausgedorrt und im Munde ein bitterer, ätzender Geschmack. Mit letzter Willensanstrengung zogen wir hinter den Pflügen einher. Unsere Maultiere waren unruhig: klatschten wütend mit ihren Schweifen über ihre Lenden und schlugen mit den Hinterbeinen wild aus. Kleine, unsichtbare Insekten stachen mörderisch und die Kleider waren holzig von getrocknetem Schweiß. Aber man schritt hinter den Tieren einher und feuerte sie an, indem man ihnen unaufhörlich zurief: „T-elem! Telem!" (Furche) und auch dies kostete großen, unendlichen Kraftaufwand. Die Zeit kroch, als ob es ihr ein sadistisches Vergnügen machte, Mensch und Tier langsam zu Tode zu quälen. Man schaute nicht einmal nach dem Stand der Sonne, um festzustellen, wie spät es sei, denn alles: Sonne. Landschaft, Horizont, verwandelte sich in einen undurchdringlichen graugrünen Brei. Nur der Hinterteil der Tiere und das Stückchen Scholle unter dir waren sichtbar. Endlich dünkte es uns spät genug, um Frühstückspause zu machen. Man spannte die wildgewordenen, abgerackerten Tiere aus, gab ihnen Flitter und stürzte sich zum Wasserfaß. Da stellte es sich heraus, daß das Faß bis auf den letzten Tropfen leer war. Ob verdunstet, ob ausgeronnen — kein Tropfen Wasser war da. Mit dem Brand im Leib stand man da. Sprach kein Wort. Außer Jascha, der sich die Gelegenheit nicht nehmen ließ, einen seiner saftigen, russischen Flüche anzubringen. Man staunte nur, daß noch niemand aus der Siedlung kam mit dem Essen für uns. Da sprach Kar-