Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Article
- Das Recht auf Leben
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS RECHT AUF LEBEN 55 Im Speiseraum einer jüdischen Siedlung vermochte nicht nur die Spannung erträglicher zu machen, sondern streute sogar einen Anflug von Humor üher die Dinge. Deshalb war es auch gar nicht verwunderlich, wenn an einem solchen Abend sich einer an unseren Karmeli — einem ehemaligen Berliner Maler, der innerhalb der letzten zwei Jahre bei uns schrecklich abmagerte und im Gesichte nichts als Augen und Nase zu haben schien — wandte und schalkhaft meinte: ,,Du, Karmeli, mein Vierzigzentimelerpflug taugt nichts mehr. Du wirst für morgen deine Nase zum Pflügen ausborgen müssen . . .;" Worauf Karmeli erwiderte: „Tut mir leid, Jascha, ich brauche noch meine Nase, um — Gott behüte! — euren Proletengeruch nicht entbehren zu müssen." Denn die Menschen, die hier in der kleinen Baracke um den wackligen ungehobelten Tisch saßen, bildeten wirklich — äußerlich wie innerlich — eine sonderbare Zusammenwürfelung. Da waren ehemalige Mediziner, Poeten, Rabbiner, Juristen. Aus aller Herren Ländern: zwei aus Deutschland, sieben aus Polen, ein Holländer, drei aus Rußland, drei aus Bulgarien. Aber man verstand sich gut. Versland, um was es gehl. An diesem Abend saß mau todmüde da. Aber da es erstickend heiß war, verspürte niemand besondere Lust, zu seiner Koje zu eilen, denn beim Schlafen war man den Stichen der Moskitos völlig ausgeliefert. So saß man noch da und plauderte. Auch Ami, die blauäugige Frau von Karmeli, saß mit uns, die anderen Frauen haben sich zurückgezogen.