Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Article
- Arabisches Vizekönigtum
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
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ARABISCHES VIZEKÖNIGTUM? 31 heißt praktisch selbständig werden, während es die Eingeborenen-Kolonien unumschränkt weiterregieren kann. Deswegen wünscht es das Eindringen von Europäern, selbst wenn es Engländer sinjd, möglichst zu begrenzen. In der Londoner Wochenschrift, die die Ansichten des Kolonialamts wiedergibt, wird in einem langen Aufsatz über das Palästina- Weißbuch klar und offen gesagt, der Sinn der Regierungserklärung sei, daß Palästina fortab als englische Kolonie nach dem in allen englischen Kolonien herrschenden System verwaltet wird und die britische Regierung selbst das Mandat auslegt. Also eine klare Absage an den Dominion-Gedanken. Aber auch ein gefährlicher Angriff auf das Mandalssystem, Fortsetzung des Versuchs, der mit Deutsch- Ostafrika begonnen wurde. Mit dem Ausschluß der Juden steht das Kolonialamt, oh ihm seine Pläne endgültig gelingen oder nicht, an einem Scheideweg. Es kann den Weg nach Indien mit einer Gruppe getrennt verwalteter Eingeborenenländer pflastern oder ein neues großes Gebilde schaffen, das den arabischen Teil Asiens umschließt: Ein neues Vizekönigtum unter dem Namen einer arabischen Föderation, alle Länder vom Mittelmeer bis zur persischen Grenze und von den Bergen Kurdistans bis zum Indischen Ozean unter britischer Herrschaft zusammenfassend. Ein zweites Indien auf dem Weg nach Indien, wie ein arabischer Politiker es vor vier Jahren prophezeite. Es scheint, daß es diesen Weg gehen will. Während in Jerusalem und London noch über das Weißbuch diskutiert wird, erklärte in Bagdad bereits c?er Ministerpräsident Nnri Pascha der Presse, sicher nicht ohne Erlaubnis des englischen Oberkomniisisars, er habe einen Entwurf zur Herstellung einer Föderation zwischen dem Irak, Transjordanien, dem Hedjas unid dem Nedjd ausgearbeitet. Er selbst will damit nach Amman und Riadh oder Mekka fahren, um die Durchführung des Plans zu sichern. Ist sie geglückt, dann ist das große, zwei Drittel Arabiens umfassende Gebiet Ibn Sauds ganz fest in die englische Einflußsphäre einbezogen, und der britische Statthalter in Bagdad kann das Reich der Kalifen durch seine Residenten regieren, wie der Vizekönig in Delhi das Kaiserreich Indien. Das Westjordanland wird in die Kombination, wenigstens zunächst, nicht einbezogen. Nicht nur die Juden würden sich widersetzen, auch der Vatikan hat deutlich angekündigt, daß er die Christen des Heiligen Landes nicht einer mohammedanischen Mehrheit anvertraut zir sehen wünscht. Aber die große Linie des Kolonialamts wird dadurch nicht abgebogen. Es ist eine neue und kühne Idee: Statt des nlten „d-ivide et impera" Zusammenfassung der Unterworfenen zu einer Einheit. Ist es nicht fast tollkühn? Vielleicht nicht so sehr, wie es auf den ersten Blick scheint. Die fortschreitende Technisierung des Krieges erschwert es den Eingeborenenvölkern je länger desto mehr sich von den Kolonialmächten zu befreien, und England baut seine Stellung in Vorderasien von Jahr zu Jahr stärker aus. Strategische Bahnen — Haifa—Bagdad! — verkürzen den Truppentransport von Wochen auf Tage und ermöglichen die Verminderung der Militärmacht zur Sicherung dieses gewaltigen Länderkomplexes, Flugstationen erleichtern seine Überwachung und Flottenstützpunkte die Verbindung mit anderen Teilen des Reichs. Aber ist die Rechnung auf die dauernde Rückständigkeit der Araber so sicher? Auch in den Fernen Osten sind Technik und Wirtschaftsformen dieses Jahrhunderls eingedrungen, dringen immer weiter ein. Wenn sie sich von hier nicht fernhalten lassen und es sieht nicht so aus —, dann ist die Ohnmacht der Araber morgen oder übermorgen möglicherweise nicht mehr allzu gewiß. Und es scheint schon heule so. als ob sich die Juden nicht einfach durch die mechanische Absperrung Palästinas aus der Orientpolitik ausschalten lassen. Wenn Washington heute ein Eingreifen erwägt und der indische Nationalkongreß in Bombay sich mit den Juden solidarisch erklärt, dann scheint dieBegrenzungder vorderasiatischen Frage auf die Eingeborenen nicht gelungen zu sein. Die Front hat sich im Gegenteil in den drei Wochen, seit das Kolonialamt den Schleier von seiner Palästina - politik fortzog, offenbar stark verlängert und